Mir ist kotzübel als ich den Baumarkt betrete. Ich bin verwirrt und weiß nicht genau wohin ich eigentlich will. Jedenfalls noch nicht gleich nach Hause. Ziellos laufe ich durch die Gänge und entdecke ein Terrarium mit einer kleinen Schildkröte. Ich hocke mich eine Weile davor und schaue ihr zu, wie sie in aller Seelenruhe ihr Essen kaut. Langsam werde auch ich ruhiger. Die Panik und Verwirrung in meinem Kopf legt sich etwas. Sie ist dort im Baumarkt mindestens genauso fehl am Platz, wie ich mich gerade fühle.

Vor einer halben Stunde etwa haben wir in der Therapiestunde über das Thema Persönlichkeitsanteile gesprochen. Die Fragmentierung meiner Psyche durch Traumata. Es endete damit, dass ich meine Therapeutin damit konfrontierte, dass ich glaubte sie würde denken ich spinne, wenn ich davon erzähle und sie so etwas überhaupt nicht bei mir sieht.

Ganz ruhig erklärte sie mir, dass sie das ganz und gar nicht so sieht und sich eher freut, dass ich offener für das Thema werde, gegen das ich mich am Anfang so heftig gewehrt habe. Sie sagte mir auch, dass wir ja noch gemeinsam herausfinden, was genau da los ist. Sie nimmt an, dass es in die Richtung DIS geht.

DIS bedeutet Dissoziative Identitätsstörung und fühlt sich für mich erstmal an wie ein Schlag ins Gesicht.

Das altbekannte Gefühl der Einsamkeit kriecht in mich hinein und schnürt mir die Kehle zu. Ich möchte in deinen Arm und weinen. Dir sagen, dass mir das alles Angst macht, dass ich verwirrt und traurig bin. Doch du sagst immer nur dass dir alles zu viel ist.

Sorry, dass ich mit meiner Welt deine Normalität crashe. 

Was meinst du wohl wie es erstmal für mich ist?

 

Zeiten ändern sich nämlich doch

Ein Jahr war es nun her, dass ich meinen Vater sah. Meine Mutter und er besuchten mich zum ersten Mal in meiner neuen Heimat. Das Treffen endete mit Abwertungen von meiner Mutter und für mich nicht besonders schön. Gestern sah ich ihn das erste Mal seitdem wieder. Ohne meine Mutter.

Als ich im Bus saß um ihn von Bahnhof abholte, hatte ich nur ein Gefühl: Panik. Ich fragte mich, warum ich ernsthaft dachte, das wäre eine gute Idee. In mir war ein totales Chaos aus Angst vor alten Erinnerungen, Sehnsüchten, die geweckt – und niemals gestillt werden sollten, Die Sorge darüber, ob ich mit den Triggern umgehen könnte. Normalerweise ist mein Innenleben in solchen Situationen total laut und der kindliche Anteil weint, oder ist aufgeregt und fragt mich ob ich wohl glaube, dass Papa mich lieb hat, oder ein destruktiver Anteil, der mein Verhalten oder auch meine Familie beschimpft. Diesmal aber nicht. Mein Innenleben war still und ich trotzdem in Panik. Diese Stille hat mich irgendwie noch mehr verwirrt. Dann habe ich probiert zu schauen, ob jemand dazu etwas sagen möchte. Es kam aber nichts und mir ging es immer schlechter. Dann hatte ich die Idee einen Deal mit meinem Innen auszumachen um die Situation so gut wie möglich zu überstehen.

Im Alltag gibt es Anteile, die sehr gut klar kommen und Dinge regeln und organisieren. Auf diese Anteile kann ich nur nicht immer bewusst zurückgreifen wenn ich getriggert werde. Jedenfalls habe ich meinem Innen vorgeschlagen, dass dieser Anteil und auch der Kindliche da sein können (weil er sich schon die ganze Zeit gefreut hat) da sein können und die destruktiven Anteile erst „herauskommen“ wenn das Treffen vorbei ist. Dass ich mir dann auch alle anderen Meinungen und Gefühle dazu anhöre.

Das Treffen lief sehr gemischt und es war für mich wichtig zu sehen, dass es ihm soweit gut geht, aber auch schwer auszuhalten, dass sich einige Dinge einfach nicht verändern. Er hat totale Probleme mit Nähe und auch damit, Gefühle zu zeigen. Als Kind wusste ich nie genau wie ich mich verhalten sollte, da es von diesem „still face“ keine Resonanz gab.

Heute weiß ich, dass es nicht meine Schuld ist, dass er das nicht zeigen kann. Trotzdem versetzt es mich in alte Zeiten. Er hat auch erzählt wie sehr sich meine Mutter zugrunde richtet, was für meinen kindlichen Anteil extrem schlimm war. Die ständige Angst davor, dass sie irgendwann stirbt, weil sie jegliche Art von Hilfe verweigert und ihr Körper deutliche Hilfeschreie aufweist. Früher habe ich sie angefleht sich Hilfe zu holen, geweint und sie angeschrien. Alles blieb ungehört, als würde ich gegen eine kalte Steinmauer sprechen. Auch dort wieder: Keine Resonanz.

Mittlerweile merke ich, welcher Anteil getriggert wird und auch dass ich im hier und jetzt anders darüber denken und damit umgehen kann. Aber auch, dass ich mich um die verletzten Anteile kümmern muss.

Das kann ich.

Es ist verflucht schwer und manchmal auch das reinste Chaos, aber gestern ging es. Die Verabschiedung war schrecklich und irritierend. Sobald ich mich umdrehte und den Bahnhof verließ, kam der destruktive Anteil mit einer riesen Gewitterwolke, Bildern und auch selbstverletzenden und suizidalen Gedanken. Im Bus bin ich dann komplett dissoziiert, mit dem Igelball in meiner Hand.

Irgendwann ging es aber wieder und ich konnte zu Hause für mich sorgen. Noch den ganzen Abend war Innen totales Chaos. Ich lerne aber langsam wer was möchte und braucht. Irgendwie habe ich mich dadurch weniger allein gefühlt und die Wut des destruktiven Anteils konnte ich auch verstehen. Ich sah sie nicht nur als Bedrohung, sondern auch die große Not dahinter.

Es ist okay, dass ich überfordert bin. Es ist okay, dass mir das alles Angst macht. Es ist okay, mich schlecht zu fühlen. Es ist auch okay, mir Zeit zu nehmen.

Ich darf heilen. Es ist okay.