Entschuldigungen

Gestern hatte ich eine schriftliche Unterhaltung mit meiner ersten großen Liebe. Im Laufe der Traumatherapie wurde mir bewusst, dass es auch dort Grenzüberschreitungen gab. Er fragte mich explizit danach, ob es das bei ihm auch gab. Ich antwortete ehrlich und fragte mich, ob nun die Abwehr seinerseits beginnen würde, wie ich es kannte, wenn man Menschen mit ihrem Verhalten konfrontierte. Überraschenderweise versuchte er nicht mir meine Wahrnehmung abzusprechen, oder zu verdrehen, sondern wollte es besser verstehen und machte eher sich selbst Vorwürfe und entschuldigte sich mehrmals. In Filmen scheinen große Entschuldigungsszenen immer so bedeutsam zu sein. Bei mir löste es nur heftige Kopfschmerzen aus und eine Nacht gefolgt mit einer Kette von anderen Erinnerungen, die in diesem Bereich mit anderen Menschen gespeichert sind. Zuletzt schrieb er, dass er hofft, dass ich ihm irgendwann vergeben kann. Was mir während der ganzen Unterhaltung auffiel war mein eigenes Traumamuster und meine gestörte Bindung. Mein Gehirn argumentierte zum Beispiel, als ich ihm meine Wahrnehmung der Grenzüberschreitungen schilderte, dass er das nur gemacht hat, weil ich durch das Trauma vor unserer Beziehung kein Gefühl für Grenzen hatte. Gleichzeitig zeigte mit mein Gehirn sehr klare Grenzäußerungen und Handlungen von mir. Ich weiß, dass es diese gab. Mein Gehirn versucht immer noch diese Menschen zu schützen, die mich verletzt haben. Das habe ich auch in anderen Kontexten erlebt, was ich als extrem verstörend empfinde, dass solch ein Mechanismus existiert. Doch wenn die Menschen, die man von Herzen liebte und glauben wollte, dass sie zu den Guten gehören, dann muss das als Kind sehr verwirrend sein. Denn jemand der einen liebt, dem man vertraut, tut einem sowas ja nicht an. Es ist nach wie vor verwirrend für mich, wie mein Gehirn mit sowas automatisiert umgeht. Anders als Filme oder Bücher es vielleicht suggerieren, bedeutet und ändert eine Entschuldigung für mich rein gar nichts. Ich weiß auch nicht, ob ich vergeben kann, oder will. Die Gesellschaft redet einem da auch Schuldgefühle ein, dass man sich das Leben selbst schwer macht und ewig im Zorn lebt, der das eigene Leben vergiftet, wenn man nicht vergibt. Also für einen selbst. Das ich vielleicht ein Gebot aus dem Christentum, aber nichts, was sich für mich und mein Leben stimmig anfühlt. Ich spüre keinen Zorn, noch wünsche ich ihm etwas schlechtes. Es bedeutet nur einfach nichts. Ich habe auch darüber nachgedacht, dass im Vergleich zu anderen Traumata, die ich mit anderen Menschen erlebt habe diese Grenzüberschreitungen eher „kleiner“ waren. An dieser Stelle möchte ich jedoch umdenken. Es war ein Mensch, dem ich vertraut und den ich geliebt habe, der mein gestörtes Bild von Beziehung weiterhin bestätigt hat. Erst vor einigen Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass jemand ein „Nein“ auch befolgt, was für mich auch eine sehr schwierige Erfahrung war, weil es so viel aus meiner Vergangenheit hochholte. Ich war dieser Person unendlich dankbar danach, was in im Nachhinein betrachtet, auch ziemlich verstörend ist. Meine Therapeutin sagte damals, dass das nichts besonders „tolles“ ist, sondern alles andere eine Straftat. Dass das normal sein sollte und nichts besonderes.

Ich habe gestern auch noch andere Sachen erfahren, die sein Verhalten erklären. Da stelle ich mir aber auch wieder die Frage, ob es eine bewusste Entscheidung ist, Grenzen zu überschreiten, die so klar aufgezeigt werden. Selbst wenn es die Reinszenierung eines Opfers ist, welches dadurch zum Täter wird. Er hat auch nicht versucht sein Verhalten zu entschuldigen, doch indem er mir das erzählte ja irgendwie schon. Das ist ganz schön komplizierter Sch***.

Gerade bin ich auch der Suche nach Traumatherapeuten in der neuen Stadt und würde gerne über all diese Gedanken und Muster sprechen. Gestern Nacht dachte ich nur, dass ich nicht mehr zulassen werde, dass all das meine Gegenwart und Zukunft vergiftet. Ich möchte lernen wieder zu vertrauen und auch gesunde Beziehungen zu führen. Gestern hat mir wieder gezeigt wie mein Gehirn nach wie vor gepolt ist und ich will das nicht. Würde den Kasten gerne neu verdrahten.

Neuanfänge

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

(Hermann Hesse)

Die letzten Wochen waren geprägt von Warten, was mich fast um den Verstand brachte. Letztes Wochenende fand ich dann eine wunderschöne Altbauwohnung in der neuen Stadt, in einer sehr schönen Gegend. Meine Chancen auf die Wohnung malte ich mir nicht groß aus, das wäre zu schön gewesen um wahr zu sein. Letzten Sonntagabend erhielt ich dann die Zusage für die Wohnung von dem sympathischen Ehepaar, die nun meine Vermieter sind. Montagmorgen kam dann endlich die Zusage für mein Wunschstudium in dieser Stadt. An dem Tag war ich total überwältigt von Emotionen und die ganze Anspannung der letzten Wochen fiel von mir ab. Als ich am Donnerstag nochmal in die neue Stadt fuhr, um den Mietvertrag für meine Traumwohnung zu unterschreiben, ging es mir total beschissen. Ich ging durch das Viertel, welches mir einen Stich versetzte, weil es so schön war. Wie gesagt: Zu schön, um wahr zu sein. So war auch das Gefühl die ganze Zeit. Ich dachte immer, dass Verlustängste sich nur auf Personen beziehen, doch die jetzige Zeit belehrt mich eines Besseren. Es ist anders, wenn man nichts zu verlieren hat. Eine Stimme in mir sagt, dass ich mich freuen müsste und das tat ich anfangs auch enorm. Zurzeit ist mir aber eher zum Weinen zumute. Nach der Unterzeichnung des Mietvertrages schlenderte ich durch die Gassen der Innenstadt und fühlte mich furchtbar einsam. Diese Einsamkeit kroch in mir herauf und ich versuchte eine Freundin und meine Schwester zu erreichen. Beide hatten keine Zeit, oder Energie. Dieses Gefühl der Einsamkeit ist immer noch da. Und ich bekomme Hilfe bei meinem Umzug, worüber ich mich freue und es löst auch Schuldgefühle aus, dass mir geholfen wird. Irgendwie kommen zurzeit viele alte Glaubenssätze hoch, jetzt, auf der Schwelle zu einem neuen Leben, das so viel Hoffnungen in sich trägt. Ich habe Angst davor, erneut enttäuscht zu sein von diesem Leben. Angst davor, diesem Leben nicht gerecht zu werden. Dass ich zu alt bin und meine Kommilitonen nichts mit mir anzufangen wissen. Davor, zu dumm und ungebildet für dieses anspruchsvolle Studium zu sein, da mein Erinnerungsvermögen einem schwarzen Loch gleicht. Da ist auch diese fiese Stimme, die mir wieder einredet zu fett und zu hässlich zu sein und dass mich sowieso niemand leiden wird. Nie hätte ich gedacht, dass schöne Ereignisse solch eine Kette von Emotionen in Gang bringen.

Es kündigte sich im letzten Jahr auch schon irgendwie an, aber meine Enttäuschung über das Verhalten meiner Therapeutin ist sehr groß. Gerade jetzt in diesem Umbruch bräuchte ich Hilfe dieses Gefühlschaos irgendwie zu bewältigen. Sie reagiert jedoch seit einigen Wochen nicht mehr auf meine Terminanfrage. Objektiv betrachtet weiß ich, dass es nicht mein Fehler ist, wie sie sich verhält. Mein abgefucktes Bindungsmuster ist da jedoch anderer Meinung und ich habe zu wenig positive Erfahrungen, um diese Enttäuschung gut weg zu stecken. Vielleicht finde ich in der neuen Stadt ja andere Unterstützung.

I’m back

Ich weiß du hast alles dafür getan in der letzten Zeit um das zu vermeiden, aber hier bin ich. Es tut mir leid, dass du wieder an einen Punkt kommen musstest, an dem du realisieren musstest, wie deine Familie ist. Ich habe gehört was dein Vater bei deinem Besuch in deiner Geburtsstadt erzählt hat und auch wie er heute reagiert hat. Ich weiß, dass du dich immer noch nach einer Familie sehnst und du in der letzten Zeit alles getan hast, um die Tochter zu sein, von der du dachtest, dass sie mehr geliebt werden würde. Es tut mir leid, dass du das erleben musstest und diesen unendlichen Schmerz gerade ertragen musst. Es geht nicht anders, aber der Kontakt muss abgebrochen werden. Um ehrlich zu sein war dieser Versuch absurd in meinen Augen. Du weißt ja jetzt noch mehr darüber was für ein Mensch dein Vater ist. Scheiß auf die. Wohnung ist gekündigt und bald geht es in eine neue Stadt. Mein Wunsch wäre es, ihnen die neue Adresse nicht mitzuteilen und eine neue Sim-Karte zu kaufen. Denk an den Besuch in der Stadt und wie du dich bei deinem Besuch gefühlt hast.

Ich weiß, dass es Glück geben wird und eine Chance. Alle Bilder, die ich eben gesehen habe und den Schmerz, den ich eben fühlen konnte ist ein weiterer Beleg dafür, diesen Weg gehen zu müssen. Was gibt es zu verlieren? Dieser tiefgreifende Schmerz ist schon bekannt, ebenso wie rock Bottom. Ich weiß, dass du alles was mit diesem Schmerz zu tun hatte gemieden hast. Das lässt ihn leider nicht verschwinden. Und auch wenn alles dissoziiert ist, um in dieser Scheinwelt zu leben bricht es immer irgendwann.

Es tut mir leid, dass du gerade so traurig bist und ich weiß auch wie klein und verlassen du dich fühlst. Ich bin hier und ich gehe nicht weg. Ich werde das Notwendige regeln. Scheiße, tut mir leid wie abgefuckt das alles ist und du das immer und immer wieder durchlebst.

Die realitätsentfremdete Träumerin

Man nennt mich nun auch Miss Wunschdenken, Illusionistin, realitätsentfremdete Träumerin. Immer noch vollkommen blind, mit dem Herzen eines Kindes in der Brust.

Mein Notendurchschnitt ist sogar noch besser als erwartet. Mein Kopf ist voller Zukunftsträume und Wünsche. Und irgendwie kam ich auf die dumme Idee zu glauben, dass es meine Familie und insbesondere meine Schwestern interessieren könnte. Dass sie mit mir feiern und zelebrieren könnten. Normalerweise übernachte in dann bei meiner großen Schwester. Diese ist jedoch immer weiter in ihren eigenen Zwängen gefangen und sagt sie sei zu gestresst, um sich mit meinem Besuch zu befassen und sie fühle sich unter Druck gesetzt, dass ich frage, wann ich kommen kann. Sie zählt ihre Probleme auf. Ich frage eine andere Schwester, die zwar mir gerne Obhut geben würde, aber an dem Wochenende wenn ich mein Zeugnis zuvor erhalte, zieht ihr Freund um. Bei der anderen geht es auch nicht. Ich kann sie nicht aufhalten die Tränen, die sich tief aus meinem Inneren empor stehlen. Da ist er, der unterdrückte Schmerz der Einsamkeit, der so gut verdeckt war unter dem Funktionieren und Lernen. Stimmen die flüstern, dass ich ihnen sowieso egal bin und immer war. Eine Schwester schreibt dazu, dass ich dann nicht kommen kann: „Oh, das ist aber schade!“ Meine Augen sind mittlerweile angeschwollen und ausgeweint. Es ist ein Verbrechen an mir selbst, mir immer wieder eine Familie zu wünschen, die sich für mich interessiert. Ich dachte, dass sie wenigstens jetzt mit mir etwas feiern wollen. Dass sie in meinem Leid nicht da waren… aber jetzt habe ich doch etwas vollbracht! Der kindliche Schmerz in mir zieht meinen ganzen Körper zusammen.

Ich war so dumm zu glauben, es könnte sich etwas ändern.

Das Lob meiner Mutter

Meine Mutter schrieb mir heute eine Nachricht, dass sie die letzten Wochen viel an mich gedacht habe, mich aber nicht beim Lernen stören wollte. Sie sei sehr stolz auf mich, dass ich das geschafft habe und ich sei unglaublich.

Gerade kreist mir im Kopf herum, dass ich mir das immer irgendwie anders vorgestellt hatte sowas von ihr zu hören. Als Kind habe ich so sehr auf ihre Anerkennung und ihr Lob gehofft. Meiner anspruchsvollen Mutter. Oder generell einfach gesehen zu werden. Als sie mir das schrieb fühlte es sich aber einfach nur falsch an. Meine große Schwester, zu der ich ein sehr enges Verhältnis habe, schrieb mir etwas ähnliches nach der letzten Prüfung und dabei empfand ich Stolz und Freude. Die Worte meiner Mutter hallen in mir nach und scheinen nirgendwo anzukommen. Sie ist für mich eine fremde Frau, die keinen Anteil an meinem Leben hatte. Nicht mal, als ich noch bei ihr wohnte. Es fühlt sich falsch an, dass sie sich dann meldet, wenn ich etwas geleistet habe, was gesellschaftlich lobenswert ist. Kein Wort von ihr, während der Traumatherapie, den Schulabbrüchen, den etlichen Klinik und Psychiatrie Aufenthalten. Klar, darauf kann man irgendwie auch nicht stolz sein, aber wo war da der Zuspruch? Seit letztem Jahr hat mein Trauma auch einen Namen, der für meine Eltern schwer zu verkraften ist. Wo waren die Worte dazu?

Die größte Leistung, die ich vollbracht habe ist, all diese Jahre des unglaublichen Schreckens zu überleben. Mich dort alleine rauszuziehen, obwohl ich ihre helfende Hand gebraucht hätte. Sowohl als Kind, als auch noch als Erwachsene, die versuchte mit den Folgen dessen zu überleben. Heute bin ich 27 Jahre und es war mir erst durch diesen unglaublichen Überlebenskampf möglich, meinen Abschluss zu erreichen. Den ich erreichen will, um auch finanziell für mich sorgen zu können. Für sie war ich immer nur das Kind, was suizidgefährdet ist, Bauchschmerzen vortäuscht und sich die Arme aufritzt und mitten in der Nacht aus dem Fenster springt und im Nachthemd durch die schneebedeckten Straßen wandelte. Ich war ihr genauso fremd, wie sie mir. Heute werfen meine Eltern mir vor, dass sie es nicht wussten. Wenn diese offensichtlichen Schreie nach Hilfe nicht mal bei ihnen ankamen? Ich weiß nicht, was sie wirklich über mich dachte zu dieser Zeit, doch ich weiß wie sie mich behandelte und wie sie mit mir sprach.

Ihre Worte heute bedeuten gar nichts.

Leben nachholen

Mir geht es gut. Und diesmal meine ich das auch so. Im Großen und Ganzen geht es mir gut und vor allem besser als mein gesamtes bisheriges Leben zuvor. Anteil daran hat in meinen Augen vor allem die Traumatherapie und auch, dass ich auf mein Gefühl hörte und beschloss, im letzten Jahr endlich meinen Abschluss nachzuholen(der dritte Versuch). Bisher konnte ich das zur Schule gehen nicht meistern und landete immer nach ungefähr einem halben Jahr suizidgefährdet in einer Klinik. Heute ist das für mich unvorstellbar. In meiner Hausarztpraxis werde ich jedes Mal gefragt, ob ich zurzeit suizidgefährdet sei, was mich jedes Mal überrascht. Ich denke sie fragen das aufgrund meiner Diagnosen, was ich verantwortungsvoll finde. Noch besser ist allerdings, dass ich nicht mal in Krisen(welche es letztes Jahr auch gab) daran dachte. Der Lockdown war für meine schulische Laufbahn tatsächlich ein Geschenk, weil ich mich in meinem geschützten Raum, ohne triggernde Interaktionen, ganz auf den Schulstoff konzentrieren konnte. Umso erfreuter war ich natürlich, dass diese Zeit der harten Arbeit sich in Form guter Noten auszahlte. Es gibt mir ein Vertrauen in meine Fähigkeiten zurück. Dass ich etwas schaffen kann, nicht nur, weil ich es möchte, sondern auch, weil ich stabil genug bin das zu tun. Gestern habe ich meine letzte Prüfung in Englisch geschrieben und erschien mit einem breiten Grinsen. Meine Mitschüler schauten irritiert, aber ich rief nur: „UNSERE LETZTE PRÜFUNG WUHUU!“ Für mich war es ein unglaublich schönes Gefühl so weit gekommen zu sein.

Mich überrollt in der letzten Zeit auch immer wieder eine Welle von Trauer. Eine Trauer, so viel verpasst zu haben und Jahre des unendlichen Leids. Auf der einen Seite freue ich mich total, doch auf der anderen Seite versetzt es mir auch einen Stich, da viele mit ca. 18 ihr Studium beginnen und Erfahrungen sammeln. Ich bin heute zehn Jahre älter und diese Zeit war komplett gefüllt mit Kämpfen und Erfahrungen, die ich lieber nicht gemacht hätte. Natürlich sagen alle immer, ich solle mich nicht vergleichen und ich wäre eben jetzt soweit. Doch der Umstand, dass es so lange dauerte, weil ich durch mehrfache Traumatisierung nicht mehr in der Lage war überhaupt richtig zu leben und das komplett neu lernen musste und auch noch weiterhin tue, das macht mich sehr traurig.

Natürlich bin ich unendlich froh darüber, wie es zurzeit läuft und ich besichtige mit meiner kleinen Schwester Anfang Juli die Stadt, in der ich gerne studieren möchte. Auch die Beziehung zu ihr hat sich im letzten Jahr sehr verbessert. Vorher hatten wir nie viel Kontakt. Sie ist auch (anders als meine andere jüngere Schwester) bereit mir zuzuhören, falls ich ihr von mir erzählen möchte. Zurzeit möchte ich das gar nicht, aber es ist ein schönes Gefühl, dass sie bereit dazu wäre mir zuzuhören.

Was ich festgestellt habe ist auch, dass sehr viele neue Themen bei mir eingezogen sind und die Beschäftigung mit Trauma und psychischen Erkrankungen in den Hintergrund tritt. Nicht, weil ich es verdränge, sondern weil mein Leben mit anderen Sachen gefüllt ist. Mir hilft es auch total zu lernen und mein Gehirn auf andere Art zu nutzen als in der Therapie. Ich bin gespannt, was mich in diesem Jahr noch an Veränderung erwarten wird. Im Juni erhalte ich schon mal mein Abschlusszeugnis!

Sowohl ein lachendes, als auch ein weinendes Auge sind bei diesem Prozess dabei.

GdB 30

Nach einem Neuantrag und auch einem erneuten Widerspruch, den ich mit Hilfe einer Sozialarbeiterin verfasste, kommt immer wieder die gleiche Antwort: Es kann nichts neues festgestellt werden, da es keine Verschlechterung bei mir gibt. Dabei möchte ich ja nur, dass anerkannt wird, was überhaupt da ist. Endometriose kommt zu den psychischen Sachen ja auch noch dazu. Ich habe mich dazu belesen, dass man anscheinend für Traumafolgestörungen nicht so hoch eingestuft wird. Wie kann das sein? Wie sind eure Erfahrungen? Für mich wäre das vor allem relevant für’s Studium und etliche Anträge. Gerade bin ich an dem Punkt, dass ich mich damit einfach abfinde, weil ich so viel für die Abschlussprüfungen lernen muss und einfach keine Kraft habe. Immer heißt es nur: „Widerspruch abgelehnt“ zuletzt habe ich sogar beschrieben inwieweit sich meine Erkrankungen auf meinen Alltag auswirken. Mein subjektives Empfinden zählt aber anscheinend auch nicht.

Montag ist wieder Präsenzunterricht = Panik

Zwei Nächte hintereinander habe ich nun katastrophal geschlafen. Wir sollen Montag wieder in die Schule und ich weiß nicht mal wie ich den Weg dorthin mit FFP2-Maske bewältigen soll. Unsere wie gewohnt unfreundliche Lehrerin schrieb gestern Abend: „Ich bitte Sie darum, dass Sie nicht ohne Negativtest und FFP2-Maske in den Unterricht kommen. Und bitte halten Sie Abstand, wo auch immer Sie sind. Wir sind alle noch nicht geimpft.“ Ich weiß, dass der Ton, der vorher schon härter war, nun vermutlich noch angespannter sein wird. Ich selber bin so angespannt, dass ich die letzten Nächte ständig aufwachte und wirr träumte. Meine Angst vor den Anfeindungen nimmt zu und ich überlege zu Hause zu bleiben, wenn es keine Präsenzpflicht gibt. Auf der anderen Seite ist da auch die Angst, etwas zu verpassen und schlechter für die Prüfungen vorbereitet zu sein. Es ist eine totale Zwickmühle. Gerade versuche ich zu schauen, wo ich mich dieses Wochenende noch schnell testen lassen kann, damit ich dass dann wenigstens als Absicherung vorzeigen könnte. Mir kam gerade während ich Kaffee kochte auch der Gedanke, dass ich die Nase gestrichen voll davon habe, deshalb dumm angemacht zu werden und Angst davor zu haben. Ich habe es mir ja nicht ausgesucht, dass der Mundbereich ein Trigger ist, der diese starken Symptome auslöst, sondern sexualisierte Gewalt ist der Grund für diese Folge. Am liebsten würde ich der Lehrerin am Montag ins Gesicht sagen, wenn sie mich wieder konfrontieren sollte: “ Ich habe sexualisierte Gewalt erlebt, was dazu führt, dass wenn ich die Maske länger aufhabe es zu Flashbacks, Panikattacken oder starker Dissoziation kommt. Das hat mit den Traumata zu tun.“ Offenlegen ist auch scheiße, weil es mich auch angreifbar macht, aber das bin ich ja so oder so schon. Es gibt ja schon so einen Spießrutenlauf. Um ehrlich zu sein denke ich, dass Lehrerin wie diese, dessen Empathie Fähigkeit ziemlich eingeschränkt ist, dass nicht juckt, warum ich die FFP2 Maske nicht längere Zeit tragen kann.

Gerade bin ich was Montag angeht ziemlich ratlos und überfordert. Ich bräuchte vor allem Matheunterricht wegen der Prüfung Anfang Mai…

Neue Regeln (Corona)

In meiner Stadt muss nun überall, wo viele Menschen sind, FFP2 Masken getragen werden. Ich habe damals welche bestellt und schaffte es nicht mal eine Minute sie auf zu behalten. Wie die Maske sitzt, ist sehr triggernd und ich bin gestern ziemlich verzweifelt, als ich das gelesen habe. Natürlich habe ich weiterhin ein Attest, aber die Panik vor Anfeindungen überwiegt mittlerweile der Angst vor Triggern. Die OP-Masken konnte ich mittlerweile immerhin ca. 30 Minuten tragen, was bedeutete, dass ich zur Schule fahren und einkaufen konnte. Gerade habe ich nochmal eine FFP2 Maske aufgesetzt, um zu versuchen, mein Gehirn daran zu gewöhnen, aber in so kurzer Zeit geht es nicht. Heue steht eigentlich noch ein großer Einkauf vor Ostern an. Zum Glück habe ich das Fahrrad und komme damit nun zum Einkaufen und will auch testen, ob ich die Strecke zur Schule schaffe. Denn nach den Ferien gibt es an meiner Schule wieder Präsenzunterricht im Wechselunterricht, was vermutlich daran liegt, dass die Schule nun Schnelltests hat. Macht für mich aber irgendwie wenig Sinn, gerade in der dritten Welle wieder hin zu gehen. Seit ich diesen Schein von der Schule habe, den ich zum Austausch für die Kopie meines Attests erhalten habe, in der meine Symptomatik offengelegt wird, hat mich kein Lehrer mehr angefeindet, oder auch nur darauf angesprochen. Wir waren ja trotzdem noch in der Schule um Klausuren zu schreiben und dort hatten verschiedene Lehrer Aufsicht, die ich nicht kannte. Gerade bereitet mir das alles irgendwie Bauchschmerzen, auch wenn Präsenzunterricht vor allem in den Prüfungsfächern sicherlich hilfreich sein wird.

Heute muss ich eigentlich zum Arzt und mir wurde mitgeteilt, dass ein Attest in der Praxis nicht gilt und ich sie nur mit FFP2 Maske betreten darf. Eine OP-Maske zu tragen ist keine Alternative. gerade überlege ich, einfach meine Beschwerden zu ignorieren und nicht hin zu gehen, oder es in Kauf zu nehmen, was es ggf. auslöst. Ich bin gerade total überfordert.

Hat jemand Erfahrung mit Lebensmittel online einkaufen?

Und kennt ihr FFP2 Masken, die nicht so triggern? Also nicht zu eng das Gesicht einschnüren (vor allem Kinnbereich) und durch die es sich relativ gut atmen lässt?

Glücklich und aufgeregt

Ich habe sie gefunden, die Stadt in die ich ziehen möchte. Seit zwei Tagen bin ich total aufgeregt, weil ich bei meiner Studiums-Recherche auf sie gestoßen bin. Und es passt wirklich alles. Es gibt dort zwei Studiengänge, die mich sehr interessieren, für die ich mich bewerben werde. Einer Zulassungsbeschränkt, der andere nicht. Das gibt mir etwas mehr Gelassenheit. Gerade bin ich ganz kribblig und aufgeregt, würde am liebsten diese Ferien nutzen um dort hinzufahren. Allerdings könne ich die schönen Café und Restaurants nicht genießen, noch irgendwo unterkommen. Hoffentlich, wird sich das im Sommer ändern, sodass ich sie richtig besichtigen kann. Ich habe aber auch schon mit jemandem gesprochen, der dort war und meine Erwartungen bestätigt. Bisher hatte ich bei keiner anderen Stadt dieses Gefühl. Es gibt dort einen Fluss und viel Grün ringsherum. Dort könnte ich mit meinem neuen (gebrauchte) Fahrrad, das ich seit gestern besitze, radeln und wandern. Es ist eine Kleinstadt mit umwerfender Architektur. Es gibt Bioläden und Cafés und Restaurants mit veganen Optionen, einen Wochenmarkt und eine historische Altstadt.

Zwar werde ich mich auch noch in anderen Städten bewerben, aber das ist gerade meine Nummer eins. So lassen sich auch gerne meine Nachbarn aushalten, von denen ich immer noch jedes Wort und Geräusch höre. In einem halben Jahr werde ich diese schreckliche Wohnung endlich hinter mir lassen. Ah und die Uni der Stadt ist auch auf Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen eingestellt, vermutlich weil es dort auch einen Sitz der Lebenshilfe gibt. Auf der Homepage gibt es jedenfalls sehr viel Informationen und es gibt sogar verschiedene Ansprechpartner für unterschiedliche Behinderungen. Ich habe ja beschlossen es offen zu legen und mir an der Uni, an die ich letztendlich gehe, mir Unterstützung zu holen. Es ist schon mal ein gutes Gefühl, dass alleine die Homepage ganz viel differenzierte Unterstützung und Information bieten. Wie es dann wirklich ist, wird sich zeigen. Ich bin einfach so unendlich aufgeregt, wenn ich daran denke der überfordernden Großstadt endlich den Rücken zu kehren und mir etwas auszusuchen, was zu mir als Person und meinen Bedürfnissen passt. Ein Hoch auf Therapie, dass ich mittlerweile weiß, welche das sind!

Gerade habe ich auch noch eine E-Mail erhalten für einen telefonischen Beratungstermin nach Ostern zu verschiedenen Dingen bezüglich Sonderanträgen etc. Die Beratung ist mit einer Frau, der ich geschrieben habe für den Bereich „Studium bei chronischen und/oder psychischen Erkrankungen und bei Teilleistungsstörungen“, was super passt, weil Endometriose ja auch nach dazu kommt zu dem Psychischen. Ach, ich bin gerade einfach total glücklich und aufgeregt.

Das Kämpfen und Aushalten lohnt sich, es geht weiter!!! Es gibt zwar noch viele Hindernisse, wie angenommen zu werden und auch eine Wohnung zu finden, aber bei dem Studiengang ohne Zulassungsbeschränkung mache ich mir mit meinem Schnitt eigentlich keine Sorgen.

So, gleich radle ich mal auf meinem neuen Fahrrad zum Einkaufen bei diesem herrlichen Wetter!