Das Lob meiner Mutter

Meine Mutter schrieb mir heute eine Nachricht, dass sie die letzten Wochen viel an mich gedacht habe, mich aber nicht beim Lernen stören wollte. Sie sei sehr stolz auf mich, dass ich das geschafft habe und ich sei unglaublich.

Gerade kreist mir im Kopf herum, dass ich mir das immer irgendwie anders vorgestellt hatte sowas von ihr zu hören. Als Kind habe ich so sehr auf ihre Anerkennung und ihr Lob gehofft. Meiner anspruchsvollen Mutter. Oder generell einfach gesehen zu werden. Als sie mir das schrieb fühlte es sich aber einfach nur falsch an. Meine große Schwester, zu der ich ein sehr enges Verhältnis habe, schrieb mir etwas ähnliches nach der letzten Prüfung und dabei empfand ich Stolz und Freude. Die Worte meiner Mutter hallen in mir nach und scheinen nirgendwo anzukommen. Sie ist für mich eine fremde Frau, die keinen Anteil an meinem Leben hatte. Nicht mal, als ich noch bei ihr wohnte. Es fühlt sich falsch an, dass sie sich dann meldet, wenn ich etwas geleistet habe, was gesellschaftlich lobenswert ist. Kein Wort von ihr, während der Traumatherapie, den Schulabbrüchen, den etlichen Klinik und Psychiatrie Aufenthalten. Klar, darauf kann man irgendwie auch nicht stolz sein, aber wo war da der Zuspruch? Seit letztem Jahr hat mein Trauma auch einen Namen, der für meine Eltern schwer zu verkraften ist. Wo waren die Worte dazu?

Die größte Leistung, die ich vollbracht habe ist, all diese Jahre des unglaublichen Schreckens zu überleben. Mich dort alleine rauszuziehen, obwohl ich ihre helfende Hand gebraucht hätte. Sowohl als Kind, als auch noch als Erwachsene, die versuchte mit den Folgen dessen zu überleben. Heute bin ich 27 Jahre und es war mir erst durch diesen unglaublichen Überlebenskampf möglich, meinen Abschluss zu erreichen. Den ich erreichen will, um auch finanziell für mich sorgen zu können. Für sie war ich immer nur das Kind, was suizidgefährdet ist, Bauchschmerzen vortäuscht und sich die Arme aufritzt und mitten in der Nacht aus dem Fenster springt und im Nachthemd durch die schneebedeckten Straßen wandelte. Ich war ihr genauso fremd, wie sie mir. Heute werfen meine Eltern mir vor, dass sie es nicht wussten. Wenn diese offensichtlichen Schreie nach Hilfe nicht mal bei ihnen ankamen? Ich weiß nicht, was sie wirklich über mich dachte zu dieser Zeit, doch ich weiß wie sie mich behandelte und wie sie mit mir sprach.

Ihre Worte heute bedeuten gar nichts.

3 Gedanken zu “Das Lob meiner Mutter

  1. Weil innen zuviel Wut auf sie ist. Sie hat euch gefühlt verraten und vor einer Ewigkeit verlassen. Und jetzt auf mal Lob. Wegen etwas was die Gesellschaft für toll hält. Euer Kampf im Leben wurde von ihr nicht gesehen. Sie hat euch nicht geholfen. Die Wut überdeckt diese eigentlich gute Lobsache. Man kann die Freude nicht spüren, so lange da diese Wut und vielleicht gar (verdeckten) Hass Gefühle da sind.
    Zumindest ist es bei uns so.
    Es brodelt so sehr unter der Oberfläche, dass wir innerlich schon an die Decke gegangen sind, wenn sie freundlich war – weil das als Fasade oder regelrecht ein Schauspiel bei uns ankommt, schließlich sind ja andere dabei, da kann sie ja nicht ihr wahres Gesicht zeigen – fühlt es unentwegt. Für mich nicht bewusst, aber doch arg spürbar, sehr anstrengend. Man war schon froh dort wieder weg gehen zu können…

    Muss natürlich bei euch nicht so sein. Für mich ist es jedenfalls nachvollziehbar weshalb der Lob der Mutter bei euch nicht so recht ankommen mag/kann.

    Alles Liebe euch ♥️

    Gefällt 3 Personen

    1. Besser hätte es nicht ausdrücken können. Das ist wie ein Blick nach Innen bei mir, genau so ist es! Meine Therapeutin sagte einmal, dass jeder Kontakt mit meiner Mutter triggernd ist, selbst wenn sie etwas Nettes sagt. Das war für mich total schmerzhaft zu hören. Zuerst habe ich mich dagegen gewehrt und ein Teil in mir wollte es auch nicht glauben. Irgendwo in mir war und ist doch immer noch diese kindliche Hoffnung mit „Jetzt wird alles gut. Jetzt ist sie nett!“ Die Realität sieht aber ganz anders aus. Alleine sie zu sehen, oder gar zu hören ist so triggernd, dass es mir dann erstmal sehr schlecht geht. Selbst diese geschriebenen Worte von ihr, ohne die anderen Reize lösen so viel aus. Es ist aber hart zu akzeptieren, dass die eigene Mutter ein Trigger ist. Es ist einfach ein sehr schweres Thema.

      Danke für eure Worte, ich weiß, dass ich versteht und genau nachfühlen könnt wie es ist und was es macht.

      Ich spüre eigenen Stolz auf mich, der vermutlich wichtiger ist, als die Worte aller anderen. Darauf mag ich mich besinnen.

      Alles Liebe an auch zurück! ♥️

      Gefällt 3 Personen

      1. Ganz genau.
        Natürlich, die kleinen hoffen immer, sie wünschen es sich so sehr.
        Selbst als Mutter uns ein Mal umarmt hat fühlte es sich trotzdem einfach völlig verkehrt und unecht an. Ich glaube, diese Wunden die lassen einen nicht das spüren, was die kleinen sich ihr Leben lang wünschen, was sie so dringend gebraucht hätten und nie bekommen haben.
        Ja, ein Brief reicht um zu triggern, weil man innen die Stimme der Mutter trotzdem hört und man es kaum aushalten kann…
        Natürlich ist es hart das zu akzeptieren, es ist ein langer Weg, weil die kleinen es nicht wirklich akzeptieren können/wollen.

        Gut, dass du stolz auf euch bist, das ist der richtige Weg.

        Danke und auch viel Kraft euch ♥️

        Gefällt 2 Personen

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