Leben nachholen

Mir geht es gut. Und diesmal meine ich das auch so. Im Großen und Ganzen geht es mir gut und vor allem besser als mein gesamtes bisheriges Leben zuvor. Anteil daran hat in meinen Augen vor allem die Traumatherapie und auch, dass ich auf mein Gefühl hörte und beschloss, im letzten Jahr endlich meinen Abschluss nachzuholen(der dritte Versuch). Bisher konnte ich das zur Schule gehen nicht meistern und landete immer nach ungefähr einem halben Jahr suizidgefährdet in einer Klinik. Heute ist das für mich unvorstellbar. In meiner Hausarztpraxis werde ich jedes Mal gefragt, ob ich zurzeit suizidgefährdet sei, was mich jedes Mal überrascht. Ich denke sie fragen das aufgrund meiner Diagnosen, was ich verantwortungsvoll finde. Noch besser ist allerdings, dass ich nicht mal in Krisen(welche es letztes Jahr auch gab) daran dachte. Der Lockdown war für meine schulische Laufbahn tatsächlich ein Geschenk, weil ich mich in meinem geschützten Raum, ohne triggernde Interaktionen, ganz auf den Schulstoff konzentrieren konnte. Umso erfreuter war ich natürlich, dass diese Zeit der harten Arbeit sich in Form guter Noten auszahlte. Es gibt mir ein Vertrauen in meine Fähigkeiten zurück. Dass ich etwas schaffen kann, nicht nur, weil ich es möchte, sondern auch, weil ich stabil genug bin das zu tun. Gestern habe ich meine letzte Prüfung in Englisch geschrieben und erschien mit einem breiten Grinsen. Meine Mitschüler schauten irritiert, aber ich rief nur: „UNSERE LETZTE PRÜFUNG WUHUU!“ Für mich war es ein unglaublich schönes Gefühl so weit gekommen zu sein.

Mich überrollt in der letzten Zeit auch immer wieder eine Welle von Trauer. Eine Trauer, so viel verpasst zu haben und Jahre des unendlichen Leids. Auf der einen Seite freue ich mich total, doch auf der anderen Seite versetzt es mir auch einen Stich, da viele mit ca. 18 ihr Studium beginnen und Erfahrungen sammeln. Ich bin heute zehn Jahre älter und diese Zeit war komplett gefüllt mit Kämpfen und Erfahrungen, die ich lieber nicht gemacht hätte. Natürlich sagen alle immer, ich solle mich nicht vergleichen und ich wäre eben jetzt soweit. Doch der Umstand, dass es so lange dauerte, weil ich durch mehrfache Traumatisierung nicht mehr in der Lage war überhaupt richtig zu leben und das komplett neu lernen musste und auch noch weiterhin tue, das macht mich sehr traurig.

Natürlich bin ich unendlich froh darüber, wie es zurzeit läuft und ich besichtige mit meiner kleinen Schwester Anfang Juli die Stadt, in der ich gerne studieren möchte. Auch die Beziehung zu ihr hat sich im letzten Jahr sehr verbessert. Vorher hatten wir nie viel Kontakt. Sie ist auch (anders als meine andere jüngere Schwester) bereit mir zuzuhören, falls ich ihr von mir erzählen möchte. Zurzeit möchte ich das gar nicht, aber es ist ein schönes Gefühl, dass sie bereit dazu wäre mir zuzuhören.

Was ich festgestellt habe ist auch, dass sehr viele neue Themen bei mir eingezogen sind und die Beschäftigung mit Trauma und psychischen Erkrankungen in den Hintergrund tritt. Nicht, weil ich es verdränge, sondern weil mein Leben mit anderen Sachen gefüllt ist. Mir hilft es auch total zu lernen und mein Gehirn auf andere Art zu nutzen als in der Therapie. Ich bin gespannt, was mich in diesem Jahr noch an Veränderung erwarten wird. Im Juni erhalte ich schon mal mein Abschlusszeugnis!

Sowohl ein lachendes, als auch ein weinendes Auge sind bei diesem Prozess dabei.

2 Gedanken zu “Leben nachholen

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