Die realitätsentfremdete Träumerin

Man nennt mich nun auch Miss Wunschdenken, Illusionistin, realitätsentfremdete Träumerin. Immer noch vollkommen blind, mit dem Herzen eines Kindes in der Brust.

Mein Notendurchschnitt ist sogar noch besser als erwartet. Mein Kopf ist voller Zukunftsträume und Wünsche. Und irgendwie kam ich auf die dumme Idee zu glauben, dass es meine Familie und insbesondere meine Schwestern interessieren könnte. Dass sie mit mir feiern und zelebrieren könnten. Normalerweise übernachte in dann bei meiner großen Schwester. Diese ist jedoch immer weiter in ihren eigenen Zwängen gefangen und sagt sie sei zu gestresst, um sich mit meinem Besuch zu befassen und sie fühle sich unter Druck gesetzt, dass ich frage, wann ich kommen kann. Sie zählt ihre Probleme auf. Ich frage eine andere Schwester, die zwar mir gerne Obhut geben würde, aber an dem Wochenende wenn ich mein Zeugnis zuvor erhalte, zieht ihr Freund um. Bei der anderen geht es auch nicht. Ich kann sie nicht aufhalten die Tränen, die sich tief aus meinem Inneren empor stehlen. Da ist er, der unterdrückte Schmerz der Einsamkeit, der so gut verdeckt war unter dem Funktionieren und Lernen. Stimmen die flüstern, dass ich ihnen sowieso egal bin und immer war. Eine Schwester schreibt dazu, dass ich dann nicht kommen kann: „Oh, das ist aber schade!“ Meine Augen sind mittlerweile angeschwollen und ausgeweint. Es ist ein Verbrechen an mir selbst, mir immer wieder eine Familie zu wünschen, die sich für mich interessiert. Ich dachte, dass sie wenigstens jetzt mit mir etwas feiern wollen. Dass sie in meinem Leid nicht da waren… aber jetzt habe ich doch etwas vollbracht! Der kindliche Schmerz in mir zieht meinen ganzen Körper zusammen.

Ich war so dumm zu glauben, es könnte sich etwas ändern.

Das Lob meiner Mutter

Meine Mutter schrieb mir heute eine Nachricht, dass sie die letzten Wochen viel an mich gedacht habe, mich aber nicht beim Lernen stören wollte. Sie sei sehr stolz auf mich, dass ich das geschafft habe und ich sei unglaublich.

Gerade kreist mir im Kopf herum, dass ich mir das immer irgendwie anders vorgestellt hatte sowas von ihr zu hören. Als Kind habe ich so sehr auf ihre Anerkennung und ihr Lob gehofft. Meiner anspruchsvollen Mutter. Oder generell einfach gesehen zu werden. Als sie mir das schrieb fühlte es sich aber einfach nur falsch an. Meine große Schwester, zu der ich ein sehr enges Verhältnis habe, schrieb mir etwas ähnliches nach der letzten Prüfung und dabei empfand ich Stolz und Freude. Die Worte meiner Mutter hallen in mir nach und scheinen nirgendwo anzukommen. Sie ist für mich eine fremde Frau, die keinen Anteil an meinem Leben hatte. Nicht mal, als ich noch bei ihr wohnte. Es fühlt sich falsch an, dass sie sich dann meldet, wenn ich etwas geleistet habe, was gesellschaftlich lobenswert ist. Kein Wort von ihr, während der Traumatherapie, den Schulabbrüchen, den etlichen Klinik und Psychiatrie Aufenthalten. Klar, darauf kann man irgendwie auch nicht stolz sein, aber wo war da der Zuspruch? Seit letztem Jahr hat mein Trauma auch einen Namen, der für meine Eltern schwer zu verkraften ist. Wo waren die Worte dazu?

Die größte Leistung, die ich vollbracht habe ist, all diese Jahre des unglaublichen Schreckens zu überleben. Mich dort alleine rauszuziehen, obwohl ich ihre helfende Hand gebraucht hätte. Sowohl als Kind, als auch noch als Erwachsene, die versuchte mit den Folgen dessen zu überleben. Heute bin ich 27 Jahre und es war mir erst durch diesen unglaublichen Überlebenskampf möglich, meinen Abschluss zu erreichen. Den ich erreichen will, um auch finanziell für mich sorgen zu können. Für sie war ich immer nur das Kind, was suizidgefährdet ist, Bauchschmerzen vortäuscht und sich die Arme aufritzt und mitten in der Nacht aus dem Fenster springt und im Nachthemd durch die schneebedeckten Straßen wandelte. Ich war ihr genauso fremd, wie sie mir. Heute werfen meine Eltern mir vor, dass sie es nicht wussten. Wenn diese offensichtlichen Schreie nach Hilfe nicht mal bei ihnen ankamen? Ich weiß nicht, was sie wirklich über mich dachte zu dieser Zeit, doch ich weiß wie sie mich behandelte und wie sie mit mir sprach.

Ihre Worte heute bedeuten gar nichts.

Leben nachholen

Mir geht es gut. Und diesmal meine ich das auch so. Im Großen und Ganzen geht es mir gut und vor allem besser als mein gesamtes bisheriges Leben zuvor. Anteil daran hat in meinen Augen vor allem die Traumatherapie und auch, dass ich auf mein Gefühl hörte und beschloss, im letzten Jahr endlich meinen Abschluss nachzuholen(der dritte Versuch). Bisher konnte ich das zur Schule gehen nicht meistern und landete immer nach ungefähr einem halben Jahr suizidgefährdet in einer Klinik. Heute ist das für mich unvorstellbar. In meiner Hausarztpraxis werde ich jedes Mal gefragt, ob ich zurzeit suizidgefährdet sei, was mich jedes Mal überrascht. Ich denke sie fragen das aufgrund meiner Diagnosen, was ich verantwortungsvoll finde. Noch besser ist allerdings, dass ich nicht mal in Krisen(welche es letztes Jahr auch gab) daran dachte. Der Lockdown war für meine schulische Laufbahn tatsächlich ein Geschenk, weil ich mich in meinem geschützten Raum, ohne triggernde Interaktionen, ganz auf den Schulstoff konzentrieren konnte. Umso erfreuter war ich natürlich, dass diese Zeit der harten Arbeit sich in Form guter Noten auszahlte. Es gibt mir ein Vertrauen in meine Fähigkeiten zurück. Dass ich etwas schaffen kann, nicht nur, weil ich es möchte, sondern auch, weil ich stabil genug bin das zu tun. Gestern habe ich meine letzte Prüfung in Englisch geschrieben und erschien mit einem breiten Grinsen. Meine Mitschüler schauten irritiert, aber ich rief nur: „UNSERE LETZTE PRÜFUNG WUHUU!“ Für mich war es ein unglaublich schönes Gefühl so weit gekommen zu sein.

Mich überrollt in der letzten Zeit auch immer wieder eine Welle von Trauer. Eine Trauer, so viel verpasst zu haben und Jahre des unendlichen Leids. Auf der einen Seite freue ich mich total, doch auf der anderen Seite versetzt es mir auch einen Stich, da viele mit ca. 18 ihr Studium beginnen und Erfahrungen sammeln. Ich bin heute zehn Jahre älter und diese Zeit war komplett gefüllt mit Kämpfen und Erfahrungen, die ich lieber nicht gemacht hätte. Natürlich sagen alle immer, ich solle mich nicht vergleichen und ich wäre eben jetzt soweit. Doch der Umstand, dass es so lange dauerte, weil ich durch mehrfache Traumatisierung nicht mehr in der Lage war überhaupt richtig zu leben und das komplett neu lernen musste und auch noch weiterhin tue, das macht mich sehr traurig.

Natürlich bin ich unendlich froh darüber, wie es zurzeit läuft und ich besichtige mit meiner kleinen Schwester Anfang Juli die Stadt, in der ich gerne studieren möchte. Auch die Beziehung zu ihr hat sich im letzten Jahr sehr verbessert. Vorher hatten wir nie viel Kontakt. Sie ist auch (anders als meine andere jüngere Schwester) bereit mir zuzuhören, falls ich ihr von mir erzählen möchte. Zurzeit möchte ich das gar nicht, aber es ist ein schönes Gefühl, dass sie bereit dazu wäre mir zuzuhören.

Was ich festgestellt habe ist auch, dass sehr viele neue Themen bei mir eingezogen sind und die Beschäftigung mit Trauma und psychischen Erkrankungen in den Hintergrund tritt. Nicht, weil ich es verdränge, sondern weil mein Leben mit anderen Sachen gefüllt ist. Mir hilft es auch total zu lernen und mein Gehirn auf andere Art zu nutzen als in der Therapie. Ich bin gespannt, was mich in diesem Jahr noch an Veränderung erwarten wird. Im Juni erhalte ich schon mal mein Abschlusszeugnis!

Sowohl ein lachendes, als auch ein weinendes Auge sind bei diesem Prozess dabei.