Die Illusion von Kontrolle in Perfektion

Viele Menschen, die ich kennen hadern damit sich über Leistung zu definieren. Darüber perfekt auszusehen, dünn zu sein, gute Leistung zu erbringen, ob bei Noten oder dem Herstellen von Keramik. Der hohe Anspruch begleitet mich selbst in so vielen Bereichen. Meinen Körper strafe ich zurzeit mit Missachtung weil ich durch den Lockdown mit mangelnder Bewegung und dem Versinken in Arbeitsaufträgen „aus der Form“ gekommen bin, wie mein Kopf es nennt. Aber was für eine Form? Eine, die Disziplin, Kontrolle und Schmerz bedeutet. Wo jeder Verzicht und jedes Nachgeben eines Verlangens nach zum Beispiel Keksen als ein Erfolg oder als eine Niederlage gewertet werden. In mir gibt es für vieles ein Wertesystem. Ich hatte den Anspruch die perfekte Patientin zu sein und jetzt, da ich wieder in der Schule bin und Noten bekomme, definiere ich mich umso mehr über Leistung. Soweit, dass ich nicht mehr merke, ähnlich wie bei meiner Essstörung, ab wann es mir entgleitet und der übermäßig strenge Anspruch an mich selbst mir schadet. Heute habe ich in einem Fach in dem ich zuletzt 14 Punkte schrieb, 12 Punkte geschrieben. Für mein Wertesystem zählt da auch nicht, dass meine Leistung insgesamt trotzdem bei „sehr gut“ liegt. Ich schäme mich und in mir sagt eine gemeine Stimme, dass ich nicht mal das kann und jetzt nicht nur fett, sondern auch dumm bin. Da blättert sie hin, die Illusion von Kontrolle. Denn genauso sehr wie mir gute Noten oder hungern und Gewicht verlieren ein „high“ bescheren, genauso trifft es mich hart, wenn ich nicht meinem eigenen Wertesystem entspreche. Der Lehrer hat das bei mir im Blick und versucht auch mich da aufzufangen und sagte mir, dass mich ja auch viel mehr ausmacht als meine Leistung, so wie meine Einstellung und Persönlichkeit. Aber meinen Wert mache ich immer noch an Leistung fest. Von meiner Mutter gab es Komplimente, wenn ich einen flachen Bauch und schlanke Hände hatte. Das ist etwas, worüber ich Anerkennung bekommen konnte und überhaupt irgendwie gesehen wurde. Dahinter steckt das Bedürfnis geliebt und wertgeschätzt werden zu wollen. Nach meiner bisherigen Erfahrung reichte meine bloße Existenz dafür nicht aus. Es macht mich heute unendlich traurig zu merken, wie sehr ich noch darin gefangen bin.

5 Gedanken zu “Die Illusion von Kontrolle in Perfektion

  1. Mir kam spontan das Produkt „re-figura“ in den Kopf.
    Wo ich mich immer wieder frage, was das soll?
    Ein Mittel, um die „Figur wieder herzustellen“?
    Gerade so, als hätte man (nur) dann eine Figur, wenn man in Wahrheit eben KEINE hat?
    Als seien Menschen mit Po und Brusten OHNE Figur?

    Es ist eine kack-Gesellschaft, in der wir leben.
    Wir sind IMMER Wert, geliebt zu werden.
    Und gut (genug), wenn wir hier so unsagbar versuchen, zu heilen.

    Es ist genug Arbeit und genug Anstrengung, am Leben zu sein; zu bleiben.
    Und es ist piepegal, ob man nun ein paar Kilo mehr oder weniger hat.
    Oder ob man ne 1 oder 2 schreibt.
    Wer dich deswegen nicht liebt, hat SELBST ein Problem.

    Es tut mir Leid, dass ihr so fühlt.
    Irgendwer innen.
    Ich finde es stark, was ihr schafft.
    Und fände es genauso stark, wenn es auch weniger wäre.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo ihr Lieben,

      Genauso denke ich auch, dass es eigentlich egal ist und nicht der Grund sein sollte Anerkennung zu bekommen oder geliebt zu werden. Dennoch fühle ich es nicht. Das ist, was mich gestern so traurig gemacht hat. Mein Kopf weiß es, aber das Gefühl hinkt hinterher. Es ist ein Thema, was ich auch gerne in der Therapie bearbeiten möchte (wenn sie irgendwann wieder richtig stattfinden kann). Denn ich möchte nicht in der Uni weiter so da durchhetzen. Es war mir aber auch bewusst, dass diese Mechanismen wieder auftauchen werden, wenn ich in einem Leistungssystem stecke. Es ist für mich gerade eine gute Übung das zu erkennen und verändern zu wollen. Denn ich mache das ja alles um mir ein besseres Leben aufzubauen. Und das soll nicht zu einer Qual werden.

      Gestern bin ich auch von einer Extra-Aufgabe zurückgetreten, die ich mir noch zusätzlich aufgehaltst habe. Das war auch sehr schwer auszuhalten, aber glaube ich eine gute Übung. Es ist genug was ich schon leiste.

      Danke für den letzten Satz! ❤ Und liebe Grüße an euch!

      Gefällt 2 Personen

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