Die bittere Wahrheit

Heute war ich bei einer neuen Frauenärztin im Endometriose-Zentrum, da meine auf unbestimmte zeit erkrankt ist. Alleine das hat mich schon verunsichert, doch zum Glück war diese auch okay. Nach dem Ultraschall sprachen wir auch noch über etwas, das in meiner Akte vermerkt war. Mir wurde seit meiner Diagnose von anderen grauenhaften Ärzten auf sehr unsensible Art und Weise immer wieder gesagt, dass der beste Zeitpunkt ein Kind zu bekommen „jetzt“ wäre (damals war ich 21, chronisch suizidal und stand erst am Anfang meiner Therapie-Reise) und dass es ab 30 für mich quasi unmöglich werden würde. Tick Tack, die Zeit läuft ab. Damals fand ich mich damit ab, keine Kinder zu bekommen, denn „jetzt“ war für mich aus verschiedenen Gründen keine Option. Der Hauptgrund war, dass ich keinem Kind eine psychisch instabile Mutter zumuten wollte. Heute bin ich so stabil wie ich es noch nie war, auch wenn es etwas wie „Heilung“ in meinem Augen nicht gibt. Aber ein lebenswertes Leben mit den Symptomen. Das ist das, was ich anstrebe. Mir fällt nicht mehr ein, welche Fachbegriffe die Ärztin nutzte, aber der Zustand meiner Eizellen ist anscheinend nicht so prall aufgrund der drei Operationen. Sie fragt ob ich einen Partner habe, was ich verneinte und dann in ihrem Blick sah ich, dass sie wusste, dass Kinder kriegen aufgrund des Zustandes meiner Ovarien unmöglich wird, wenn es nicht sehr bald geschieht. Sie sagte auch noch, dass vermutlich nicht demnächst einer neuer Partner um die Ecke kommt, mit dem ich mir Kinder vorstellen kann. Wieder wusste ich, dass sie das am besten „jetzt“ meinte. Ich bin 27 und steuere volle Kraft auf die 30 zu. Ich sagte ihr, dass ich mich schon Jahre damit auseinandergesetzt hatte, vermutlich keine Kinder bekommen zu können und schloss das Gespräch ab mit: “ Es ist wie es ist!“ was sie total fremd anfühlte.

In der (zum Glück leeren) Bahn kroch dann eine Traurigkeit empor und ich brach in Tränen aus. Es ist irgendwie etwas anderes, eine Krankheit zu haben, bei der das Risiko gering ist, als wenn einem gesagt wird, dass der Zustand meiner Ovarien nicht so gut ist. Das Erste lässt noch Raum für Hoffnung und ein „bei mir ist es vielleicht anders“. Immer habe ich den Kinderwunsch verdrängt aufgrund meiner finanziellen und psychischen Lage, wegen Endometriose und auch wollte ich kein Kind in diese Welt gebären. Mein Herz war das alles irgendwie schnurzegal und ich heulte weiterhin Rotz und Wasser.

Als ich damals im feministischen Frauengesundheitszentrum war, wo neben einer Beratung zu Endometriose auch zu den Folgen sexuellen Missbrauchs beraten wird, sagte mir die Frau dort, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass ich anfälliger für Endometriose war, da sich durch die Traumata mein Immunsystem nie gesund ausbilden konnte. Eine Wucht von Wut, Trauer und Ohnmacht überrollte mich. Ich werde jetzt versuchen mich so gut es geht mit Lernen abzulenken.

Das Gefühl zu haben „falsch zu sein“

Das begleitet mich mein ganzes Leben, ebenso wie die anderen Punkte, welche die Lunis in diesem Video ansprechen.

Für mich stellt es jeden Tag eine Herausforderungen dar, mit Menschen zu kommunizieren und die kleinste Veränderung verunsichert mich, so wie die Lunis das so treffend beschrieben. Meine Eltern sagten mal, dass sie nicht wissen, wie sie überhaupt mit mir reden oder umgehen sollen, weil ich so empfindlich sei, wenn sie etwas sagte. Das hat sich sehr in meiner Erinnerung gebrannt und daran musste ich denken, als die Bitte kam, nicht wie ein rohes Ei zukünftig behandelt zu werden, weil genau das kann ich so unterschreiben. Auf der einen Seite diese totale Verunsicherung in der zwischenmenschlichen Kommunikation, die Bestätigungssuche nach dem „ist alles okay?“ „bin ich so okay?“ und dann nicht zur Last fallen wollen, zu kompliziert, toxisch zu sein, wenn man sich dann öffnet.

Ich habe gemerkt, dass ich gerne Menschen um mich herum habe, die ich das Fragen kann und merke, dass meine Rückversicherung keine Last ist. Doch auch bei diesen Menschen kommt danach die Frage bei mir auf „und was ist, wenn sie es doch so empfinden?“ Mein Psychologielehrer nimmt mich während der Videokonferenzen zum Beispiel nicht mehr dran, weil ich die Leistungsstärkste aus dem Kurs bin und er erstmal die anderen fragen möchte. Trotzdem saß ich letztes Mal zitternd vor dem Bildschirm als er sagte „Will jemand anderes als Mondmädchen sprechen?“ Danach habe ich das Gespräch gesucht und der Lehrer ist wirklich klasse und das Gespräch auch gut, dennoch traf er einen Nerv als er sagte, dass er denkt, ich könne mich selbst auch schon gut einschätzen, dass er mich weniger dran nimmt, weil ich so gut bin und es doch schön wäre, wenn ich mir irgendwann selbst diese Bestätigung geben könnte. Da hing nämlich auch von meiner Seite das „ist alles okay?“ im (Chat)Raum. Und ich weiß auch, dass ich auf ihn sehr funktional wirke und er das deswegen denkt. Es hat mich dann total geärgert, dass ich diese Bestätigung brauche, dass alles okay ist.

Sie sind wieder da

Obwohl der Funktionsmodus mich seit mehreren Monaten durch das irre zu Hause Lernen bringt, verändert sich gerade etwas. Ich habe seit einigen Tagen wirklich verstörende Träume und wache ständig auf. Es wäre ja auch zu schön gewesen das Thema Schlaf endlich im Griff zu haben. Auch etwas anderes ist wieder präsenter. Die Stimme die sagt, dass ich durch den Lockdown zu fett geworden bin und es jetzt weniger Nahrung und dafür mehr Sport gibt. Vielleicht hat auch das Frühlingswetter etwas zu tun, da ich meinen Körpe dann nicht mehr geschützt und unsichtbar unter dem dicken Daunenmantel ist. Er wird wieder sichtbarer und wie ich mittlerweile weiß, übernimmt die Essstörung eine Art „Kontrolle“, wenn etwas nicht gut bei mir läuft. Da nächste Woche die erste Abi Übungsklausur ansteht und ich quasi zurzeit therapielos bin, lasse ich es gewähren, um den Funktionsmodus aufrechtzuerhalten, jedoch gibt es Deals mit der Essstörung, da ich auch genug essen muss, um richtig lernen und die Klausur schreiben zu können. Es deckelt etwas, was gerade zu schwer wäre zusätzlich und alleine zu tragen.

Nebel im Kopf

Seit zwei Tagen dissoziiere ich so stark, dass ich verschwommen sehe und auch weniger wahrnehme. Ich fange dann häufig an, mit einer repetitiven Bewegung meine Finger gegen einander, oder gegen meinen Kopf zu tippen. Gerade habe ich das auch getan und wundere mich. Ich weiß, dass ich das dann häufiger mache, aber verstehe nicht warum, weil diese gleichmäßige Bewegung mich nur noch weiter in die Dissoziation, statt hinaus bringt. Vielleicht ist mein Kopf damit überfordert, dass es gerade nichts zu tun gibt. Jedenfalls empfinde ich diesen Zustand als sehr anstrengend, weil mein Gehirn langsamer funktioniert, wie eine wandelnde Schlaftablette.

Es verändert sich so vieles, denn ich schlafe in den letzten Wochen auch besser und wache nur ein bis zweimal nachts auf. Dennoch bleiben einige Symptome wie die Dissoziation bestehen. Kann das überhaupt weniger werden, oder gar ganz weggehen, wenn mein Gehirn so früh schon lernte so stark zu dissoziieren? Gerade ist ja nicht mal etwas los. Kein Trigger, keine Gefahr und dennoch ist nur Nebel in meinem Kopf.

Zähne und Trauma – Ein Heilungsprozess

Für mich ist mein gesamter Mundraum ein Trigger. Das ging soweit, dass selbst Zähne putzen schwer war. Nahrungsaufnahme, Küssen und von Zahnarztbesuchen, die Flashbacks auslösten ganz zu schweigen. Vor einigen Monaten hatte ich eine sehr schlimme, retraumatisierende Erfahrung, bei einem anderen Zahnarzt, da meiner keine Termine frei hatte. Wie ich dort von dem Zahnarzt behandelt wurde, als ich mit Panikattacke tief in einem Flashback hing und anschließend auch schnell den Raum „räumen“ musste, um anschließend im Treppenhaus der Praxis noch lange zu weinen. Mir ist aufgefallen, dass es auch einen erheblichen Einfluss darauf hat, wie Menschen reagieren, wenn ich eine Panikattacke oder ein Flashback habe, denn diesen Umgang habe ich in diesem Fall als retraumatisierend erlebt.

Ich hatte damals das mit meinen Zähnen in meiner Geburtsstadt schon in Angriff genommen und es wurde alles unter Vollnarkose komplett saniert (sagt man das so? Klingt eher nach Fliesen legen) Naja jedenfalls verhalte ich mich beim Zahnarzt nicht so meinem Alter entsprechend, was irritierend sein kann, aber Angst triggert halt viel an. Gestern war der letzte große Termin bei meinem eigentlichen Zahnarzt in der Großstadt. Dieser ist auf Angstpatienten spezialisiert und auch die ganze Praxis ist ansprechend und modern gestaltet, was mir persönlich hilft. An meinem Geburtstag 2019 hatte ich dort meinen ersten Termin, mit dem Ziel neben der Traumatherapie auch dort zu reparieren, was durch die Traumafolgen kaputt ist. Die kaputten Zähne spiegelten auch den Zustand meiner Psyche wider. Selbst wenn es für jemand von außen nicht zu erkennen war, fühlte ich mich in dem Bereich einfach kaputt. Mein Zahnarzt erklärt immer jeden Schritt und macht jedes Mal mit mir ein Signal aus, falls etwas ist. Das ist zwar jedes Mal das gleiche Signal, für mich ist es dennoch wichtig es immer wieder im Vorfeld zu besprechen. Ich fragte, ob die Musik, welche leise im Hintergrund lief, lauter gemacht werden könnte und der Zahnarzt sagte zu der Helferin: „Einmal so laut aufdrehen, dass es auch noch durch den Bohrer zu hören ist.“ Es lief einfach richtig, richtig gut und ich bin so stolz. Zwar war ich auch ziemlich durch das Beruhigungsmittel benebelt, was ich vorher eingenommen hatte, aber ein heftiges Flashback hatte dem noch nie standgehalten. Der Zahnarzt machte Witze und nebenbei erklärte er alles ganz genau und fragte auch wie es mir ginge. Innerlich beruhigte ich mich, indem ich immer wieder sagte: „Ich vertraue dir.“ Das hat sich auch stimmig angefühlt, da mit diesem Zahnarzt nur gute Erfahrungen hatte. Solch ein großer Kontrast zu dem anderen Zahnarzt-Horror. Mein Zahnarzt konnte auch so betäuben, dass ich tatsächlich nichts spürte und ich fragte mich, was der andere Zahnarzt gemacht hatte, dass ich mich vor Schmerzen wand.

Jedenfalls muss jetzt nur noch eine Zahnreinigung gemacht werden, aber ich habe es jetzt erstmal geschafft. Mittlerweile kann ich täglich mehrmals Zähne putzen und auch Zahnseide benutzen. Es fühlt sich ziemlich schön an, das geschafft zu haben.