You don’t own me – über kontrollierende Persönlichkeiten

In der Schule lesen wir zur Zeit das Buch „Agnes“, das von einer Beziehung zwischen einer jungen Frau und einem Mann handelt, der ihr Vater sein könnte. Sie ist ihm intellektuell überlegen, aber nutzt das nicht zu ihrem Vorteil. Sie hat eine schwierige Beziehung zu ihren Eltern und keine Freunde. Als sie ein Kind war, waren Bücher ihre Freunde. Also eine junge Frau, die nicht viel über ihr Innenleben preisgibt und soziale Schwierigkeiten zu scheinen hat. Der kontrollsüchtige Mann ist von Beruf Autor und schreibt eine Geschichte über „Agnes“, welche den beiden später noch zum Verhängnis wird. Generell besteht zwischen den beiden eine ziemlich gestörte Kommunikation. Der Autor macht sich ein Bildnis von Agnes und lässt es nicht zu, dass die Realität von seinem Drehbuch abweicht. Die Bilder im Kopf sind stärker als die Wirklichkeit, sie verlangen nach Anpassung der realen Geschichte.

Diese Geschichte löst bei mir Erinnerungen aus. Diese Art von Männern ist mir vertraut und gestern vielen mir Situationen ein, die mein späteres Leben und wie ich mich selbst wahrnehme sehr beeinflusst haben. Mir fallen Situationen ein, in denen mich meine bisherigen Partner mich fett, hässlich, dumm, oder eklig haben fühlen lassen. Ich weiß nicht, wofür diese Degradierung in der Beziehung für sie von nutzen war. In „Agnes“ macht der Mann das um die Oberhand zu behalten, weil er merkt, dass sie ihm in vielerlei Hinsicht Überlegen ist. Kurzum: Es geht um Macht.

Zwei Situationen mit einem früheren Partner aus dem vorletzten Jahr war, dass er ähnlich wie der Mann in „Agnes“ niemals über seine Gefühle zu mir sprach, oder die Beziehung. Doch er sprach viel von anderen Frauen, die er attraktiv, klug etc. fand. Und als ich morgens auf der Toilette war (für etwas bestimmtes) fragte er mich, ob ich mich danach nicht geduscht hätte. So als wäre das selbstverständlich und ich wäre total eklig das nicht zu tun. Auch wollte er mit mir zusammen zur Pediküre gehen, da ihm meine Füße anscheinend zu ungepflegt waren. Was verrückt ist, weil ich mir eher angewöhne mich weniger zu pflegen, weil ich das jahrelang übertrieben habe, aus dem Gefühl heraus „sich sschmutzig zu fühlen. Mittlerweile schaffe ich es auszuhalten nur jeden zweiten Tag meine Haare zu waschen, anstatt jeden Tag. Er Schnitt auch die Etiketten aus meiner Unterwäsche ohne mich zu fragen. Was ich einfach nur absurd fand. In seiner Wohnung konnte man sich auch nicht frei bewegen, weil alles irgendwie Regeln hatte. Was mich auch sehr an meine große Schwester erinnert und ihren Kontrollzwang als ich bei ihr war.

Ein anderer Partner lachte gehässig über mich, als ich mit ihm Englisch übte, was dazu führte, dass ich mich lange nicht mehr traute vor anderen Leuten Englisch zu sprechen. Mittlerweile traue ich mich wieder und habe auch eine gute Englischnote, aber erst musste ich diese Scham überwinden.

Wieder ein Anderer nahm meinen Körper immer genau unter die Lupe. Er wusste von meiner Essstörung und sagte häufig wenn wir uns sahen „dein Gesicht sieht so rund aus, hast du zugenommen? Und als ich einmal nackt im Bad stand schaute er mich prüfend an und meinte „du warst auch schon mal straffer, oder?“

Das Buch holt echt einige Erinnerungen zurück und ich wundere mich schon gar nicht mehr darüber, dass ich mich nach den Traumata weiterhin wie ein Stück Scheiße und minderwertig gefühlt habe. Mein Männermuster ist/war beschissen. Sorry für die ganzen Assoziationen zu Fäkalien, aber bin da bei dem Toilettenthema irgendwie hängen geblieben.

Ich nehme den Deutsch-Unterricht jetzt bewusst als Trigger wahr, der mir hilft Dinge zu sehen und mich nicht von dem Trigger überrollen zu lassen. Im hier und jetzt ist auch kein Idiot, der versucht mich zu kontrollieren und klein zu machen, jedenfalls keiner, mit dem ich eine Beziehung führe.

Nachteilsausgleich

Zwei Lehrer haben meine entschuldigten Fehlzeiten mit in die Benotung einfließen lassen. Der schreckliche Lehrer ja schon mit Ankündigung. Für das zweite Halbjahr habe ich mich nun abgesichert und erhalte Hilfe. Erstmal in Form eines Nachteilsausgleich und auch, indem ich eine Ansprechperson habe. Sogar habe ich die Nummer von irgendeiner obersten Stelle bekommen, bei der ich mich direkt beschweren kann, wenn die Lehrer auf den Nachteilsausgleich schei***. Bei der Bio-Lehrerin sehe ich das nicht, aber bei dem anderen Lehrer wird es denke ich ein Kampf. Ich finde es auch erschreckend und traurig, dass die derzeitige Lage nur von einem Lehrer berücksichtigt wurde und dieser mich sehr positiv überrascht hat: Mein Mathelehrer. So habe ich die letzten Wochen eine Achterbahn der Gefühle erlebt. Notenvergabe hat in vielen Fällen nichts mit Gerechtigkeit zu tun, musste ich feststellen und geschieht willkürlich. Davon sind auch einige Lehrer ausgenommen, die mich wirklich nur aufgrund meiner Leistung bewertet haben. Der Bio-Lehrerin habe ich gerade eine Mail geschrieben und sie gebeten auf dieser Grundlage nochmal meine Note zu bedenken und ihr auch erklärt, wie es die zukünftige Benotung meiner Leistung einfacher macht. Und zwar darf das bewertet werden, was ich von zu Hause arbeite und die Lehrer dürfen mir auch extra Aufgaben geben, damit ich mich verbessern kann, oder sie meine Leistung feststellen können.

Ich habe wirklich Angst vor der Reaktion der Bio-Lehrerin, die ich ansonsten mag. Einfach, weil ich nicht weiß, wie sie darauf reagiert. Bei dem Pädagogik-Lehrer weiß ich schon wie die Reaktion ausfallen wird, deswegen werde ich das auch erst zusammen mit dem Arbeitsauftrag für diese Woche abschicken. Aber ich werde versuchen weiterhin für mein Recht zu kämpfen. Eine andere Lehrerin hat meine Leistung schlechter beurteilt mit einer Begründung zu meiner Persönlichkeit. Dagegen kann ich zwar nicht mit dem Nachteilsausgleich angehen, aber auch dagegen werde ich irgendwie vorgehen im nächsten Halbjahr, was es komplizierter macht.

Viele sagen mir immer, dass man einfach das machen soll, was die Lehrer erwarten und sich so anpassen, aber irgendwie fällt es mir total schwer überhaupt heraus zu finden, was sie genau wollen.

Die Mauern um mich herum

Letztes Jahr, nachdem die letzte Beziehung zu einem Mann scheiterte, bevor sie richtig beginnen konnte, passierte etwas in mir. Ich habe aufgegeben. Den Gedanken und auch den Wunsch auf eine funktionierende Beziehung. Da war jemand, der sogar bereit war, an den ganzen Triggern mit mir zu arbeiten, der da bleiben wollte. Auch Streit aushalten. Gestern sah ich in einer Serie ein Paar streiten. Es war objektiv betrachtet kein schlimmer Streit, aber innerlich war ich so getriggert und dachte „Oh Gott, nach dem Streit MÜSSEN die sich trennen“. Ich empfand es als potentiell gefährlich und stempelte den Mann schon als den Bösen ab, dabei sagte sie genauso unfaire Dinge zu ihm. Mein Gehirn reagierte mit meinem eigenen Schutz-System auf diese Situation. Als ich dann sah, dass sie darüber sprachen und sich vertrugen, war das für mich unbegreiflich. Ich hätte ab dem Zeitpunkt schon die Haustür geschlossen, innerlich die Person für mich beerdigt und auf keine Nachrichten mehr reagiert. Aus dem System gelöscht. Potentielle Gefahr gelöscht. Die Angst vor neuen Verletzungen ist so groß. Ich habe nie gelernt mich Verlust und Schmerz umzugehen, anders als die Person aus meinem System zu löschen und jegliches Gefühl zu dieser. So war es seit ich denken kann. Ich frage mich auch, wie ich sowas in der Therapie lernen kann, wenn ich selbst meine Therapeutin anfing emotional raus zu werfen, als es schwierig zwischen uns wurde. Letztes Jahr habe ich beschlossen es nicht mehr zu versuchen. Die letzte Erfahrung mit einem Mann hatte mich so sehr an meine Grenzen gebracht. Es war so triggernd etwas zu fühlen und eine Bindung aufzubauen. Das führte zu einigen sehr extremen Situationen, zu Flashbacks und Intrusionen. Ich hatte keine Kraft dafür und die Traumatherapie machte all meine Angst vor Menschen noch schlimmer. Monate später in der Traumatherapie konnte ich dann einige Situationen, in denen ich getriggert wurde zuordnen. Sie hatten nichts mit der Person als „potentielle Gefahr“ zu tun, sondern mit Gewalterfahrungen von früher. Dieser Mann fragt mich immer wieder mal wie es mir ginge, seitdem ich den Kontakt von einem Tag auf den anderen Abbrach. Wir versuchten im Sommer nochmal freundschaftlichen Kontakt, was dazu führte, dass als meine verdrängten Gefühle für ihn hochkamen und ich erneut mit Gefühlen überflutet wurde, die ich nicht händeln konnte. Also lief ich wieder weg. Es half mir zu sagen er wäre sowieso nicht an mir als Person interessiert, dass er sich nur meldete, wenn ihm langweilig, oder er einsam war. Dass er sowieso kein guter Mensch war und ich so besser dran wäre. Gestern hatten wir wieder Kontakt und ich versuchte ihm genau diese Sicht zu erklären, was für ihn sehr Schmerzhaft war. Auch versuchte ich über Humor zu erklären, wie es damals war, als ich es beendete. Auch das fand er nicht witzig sondern sagte, es sei für ihn damals nicht besonders witzig gewesen. Da merkte ich, dass ich seine Seite nie gesehen habe, oder wenn er es sagte nie an mich heran ließ, sondern nur mein konstruiertes Bild im Kopf hatte, was mir half alles zu verdrängen. Ich frage mich, ob in solchen Momenten auch meine Empathiefähigkeit sehr gering ist, vor allem wenn mein Schutzsystem eingreift. Die Antwort darauf ist denke ich: Ja.

Nichtsdestotrotz habe ich aufgegeben. Ich konzentriere mich auf die Schule, worin ich „sachlich“ weiter komme durch Leistung. Da gibt es zwar auch triggernde zwischenmenschliche Situationen, doch nicht in dem Ausmaß, wie es bei mir in Liebesbeziehungen der Fall ist. Natürlich würden nun viele Menschen dagegen argumentieren, wenn ich sage, dass mein vertrauen in Menschen, insbesondere Männer zu zerstört ist, um eine Beziehung führen zu können. Doch ich habe es so sehr versucht. Zweimal in den letzten zwei Jahren habe ich versucht mich wieder für Liebe zu öffnen und zwei Menschen nah an mich herangelassen. Ich konnte auch vieles lernen, vor allem weil es keine missbräuchlichen, toxischen Kontakte waren, was mir half zu sehen was damals so sehr falsch gelaufen ist. Auch war es eine neue Erfahrung, dass meine Grenzen geachtet wurden.

In mir ist etwas so kaputt gegangen, dass ich es einfach nicht schaffe. Selbst wenn ich es so sehr will und versuche. Es macht mich unheimlich traurig meine Mechanismen zu merken, wie meine ganze Wahrnehmung und mein Gehirn auf Bindung reagiert. Und ich weiß, dass das einzige Gegengift dafür Beziehung ist. Neue gute Erfahrungen, aber ich glaube nicht daran, dass jemand wirklich diesen Weg mit mir gehen würde. Sich mit mir durch die Mechanismen und verdrehten Wahrnehmungen wühlt und immer wieder versucht mich zu erreichen und zu mir zu gelangen, wenn ich die Mauer hochziehe. Es ist schwer daran zu glauben, dass mich überhaupt jemand lieben könnte, wenn es nicht mal meine Eltern konnten und viele von denen ich dachte, sie würden mich lieben das ausnutzten.

Level der Verdrängung um zu überleben

Das Level an Verdrängung nimmt mittlerweile so zu, dass ich den Bezug komplett verliere und falls dann doch mal Traumaschnipsel auftauchen wundere ich mich, was das ist, um es dann wieder tief in der Versenkung verschwinden zu lassen. Wieder ran an die Schulsachen. Ich muss funktionieren. Muss mich konzentrieren. Corona? „Alles gar nicht so schlimm…“ Nachrichten? „Das ist doch ein Ausschnitt einer Dystopie!“ Trauma? „War doch alles nicht so wild. Vielleicht habe ich dem einfach zu viel Aufmerksamkeit gewidmet und bin eigentlich gesund.“ Ich klammere mich an die Vorstellung mein Abi zu machen, als Teil einer für existierenden Normalität. Alles ganz normal, ganz normal, ganz normal. Nichts ist normal und nichts ist okay unter dieser Schicht aus Verdrängung, die ich brauche, damit dieses Gerüst nicht zusammenbricht. Den Preis dafür zahlt mein Körper. Es tut mir leid Körper, dass du dich fühlst, wie dreimal mit einem Laster überfahren. Wir müssen noch etwas aushalten. Noch ein bisschen.

Abschluss in Gefahr?

Heute hat meine Schule beschlossen, dass der Präsenzunterricht weiterhin für unbestimmte Zeit eingestellt ist. Und die einige Lehrer haben uns extrem zugepackt mit Arbeitsaufträgen, sodass ich an manchen Tagen bis nachts dran saß und andere hingegen haben weder Arbeitsaufträge erstellt, noch melden sich. In Mathe habe ich die Nachschreib-Klausur total in den Sand gesetzt und hoffte darauf, es bei dem nächsten Thema ausgleichen zu können. Stattdessen sitze ich vor einem anspruchsvollen Arbeitsauftrag zu einem neuen Thema und verstehe es null. Auch nicht wenn ich mit Youtube-Videos anschaue. Ich habe keine Ahnung wie das mit dem Abschluss so funktionieren soll. Mir geht es dementsprechend beschissen. Es hängt noch in den Wolken, ob die anderen Nachschreib-Termine stattfinden, die dann zu den Arbeitsaufträgen noch dazu kommen würden. Meine Laune ist gerade auf dem Tiefpunkt und ich versuche Bio auswendig zu lernen. Aber in Psychologie stehe ich gerade auf 14,5 Punkten und in der letzten Klausur habe ich 14 Punkte geschrieben, obwohl es da meiner Hand nach der OP so schlecht ging. Das macht mich ganz schön stolz – einen Dank an mein Gehirn an dieser Stelle. 😉 Ich würde auch weiterhin gerne zeigen, was ich drauf habe und jetzt wo ich es könnte, spielt die Welt verrückt. Keine Ahnung wie, aber innerlich habe ich Corona auch einfach verdrängt und welche Konsequenzen es mit sich bringen könnte. Vielleicht muss ich mich davon verabschieden, den Schnitt zu erreichen, den ich wollte und radikal akzeptieren, dass die Situation gerade so ist. Weiterhin alternative Pläne überlegen und trotzdem irgendwie mein bestes geben. Positiv am zu Hause lernen ist auf jeden Fall, dass die Trigger in der Schule wegfallen, was dazu führt, dass ich dahingehend etwas stabiler bin.

Mit voller Wucht

Dieser Lockdown trifft mich mit voller Wucht. Vorher hatte ich irgendwie noch Hoffnung und ein Ziel, aber seitdem ich die letzte Mathe Klausur total in den Sand gesetzte habe, weil ich mir den Stoff einfach nicht zu Hause alleine aneignen konnte, schwindet sie. Ich weiß nicht, wie ich den prüfungsrelevanten Stoff von zu Hause lernen soll. Aufgaben, die nicht zu einem gewissen Zeitpunkt abgegeben werden, erhalten 0 Punkte. Also sitze ich gerade vor einem Haufen von Aufgaben und versuche mich da durch zu graben. Zusätzlich schreibe ich noch drei Klausuren nach. Keine Ahnung wie das alles funktionieren soll. Das Jahr werde ich aber an der Schule und in dieser Stadt definitiv nicht wiederholen. Falls mein Schnitt durch Corona und das Homeschooling schlechter ausfällt als erwartet, oder sich überhaupt kein Abschluss erreichen lässt, durch die Situation, überlege ich mir gerade Alternativen. Den Abschluss in dem Bundesland, in dem ich auch studieren möchte nach zu holen und auf jeden Fall um zu ziehen. Das ist auf jeden Fall dran. Gestern hatte ich online Therapie und es war überraschend gut. Mir hatte auch die Mimik meiner Therapeutin gefehlt und half, die Beziehung wieder aufzunehmen. Meine Schwestern sagt, dass ich ja genug Zeit habe. Zeit, die ich in meine Bildung investieren kann, egal wie lange es auch dauert. Und gerade lastet zwar der Druck auf mir, dass unter diesen Umständen nicht alles zu verkacken, aber ja, es gibt alternative Lösungen, falls es nicht klappt. Dennoch drückt es diesmal extrem auf meine Stimmung. Ich arbeite mich durch die Arbeitsaufträge und habe überhaupt keine Ahnung wie sich das auf meine Noten auswirkt, oder welchen Sinn das überhaupt hat. Naja aber dass ich den Abschluss will, ist ja klar und selbst wenn es dieses Jahr nicht klappen sollte, ist eine eine gute Übung. Gerade kann ich aber nicht mal die neuen Aufgaben aus dem Lernraum holen, da die Plattform immer wieder wegen Überlastung down ist… Das ist doch alles ein schlechter Scherz.

Wie geht es euch mit der derzeitigen Situation so?

Unverhofft Schönes, sowie immer wieder schmerzliches Realisieren

Vor Weihnachten habe ich meine Schwestern in der Stadt besucht, in der ich aufgewachsen bin. Vor allem meine ältere Schwester und meinen Neffen hatte ich lange nicht gesehen und sehr vermisst. Jedoch wusste ich auch, dass es nicht einfach und konfrontierend wird, wieder in dieses dysfunktionale Familiengebilde einzutauchen. Ich wusste, dass mein Vater auch da sein würde, denn er hatte zu dieser Zeit in der Stadt einen Arzttermin. Wir machten also aus, dass ich bei meiner großen Schwester schlafen würde und am nächsten Tag eine Art Bescherung bei meiner jüngeren Schwestern, mit ihr, meiner jüngsten Schwester stattfinden sollte. Die Zugfahrt über schrieb ich die ganze Zeit mit meiner jüngsten Schwester über alles Mögliche und sie schlug spontan vor, dass sie und ihr Freund mich mit dem Auto vom Bahnhof abholen könnten, damit ich nicht mehr dem Bus zu der anderen Schwester fahren müsste. Meine jüngste Schwester war sehr offen und lieb, als wir uns sahen, ebenso ihr Freund. Ein schöner Empfang. Also sie mich bei meiner großen Schwester absetzten, veränderte sich das. Meine große Schwester ist sehr zwanghaft und so musste ich erstmal duschen (wegen Corona) aber sie kritisiere sofort, dass ich nicht gleich die Haare mitgewaschen hatte. So ging es weiter mit Bemerkungen und eine Ablehnung und Distanz war zu spüren. Das machte mich unglaublich traurig und triggerte mich, weil wir uns eigentlich sehr nah stehen. Das erinnerte mich an einen Satz meines Vaters als er mal sagte „Ich liebe dich, aber es fällt mir schwer das zu zeigen.“ Ich fühlte mich wie ein Eindringling und unerwünscht, eine Belastung. Triggertrigger. In der Nacht drehte sie die Heizung ab, das macht sie genau wie unser Vater früher um zu sparen und ich bekam nur eine dünne Decke und konnte kaum schlafen, weil ich so fror. Am nächsten Morgen am Frühstückstisch brach das dann aus mir heraus und ich weinte bitterlich. Sie sagte sie fände es gemein, dass ich sowas sage und dass sie selbst bei ihrem Freund so ist, wenn der man zwei Tage nicht da ist. Ich weinte immer noch und wusste, dass mein Vater gleich kommen würde, um Geschenke ein zu sammeln und mich mit zu meiner jüngeren Schwester zu nehmen. Meine große Schwester schlug vor, wir sollten jetzt den Kreislauf durchbrechen und uns umarmen. Zuerst lehnte ich ab, aber ging dann auch auf sie zu. Das war ein guter Moment für uns, denn in unserer Familie wurden solche Spannungen nie angesprochen, noch Gefühle gezeigt oder sich am Ende umarmt. Sie sagte mir auch, dass sie mich liebt und sie gar nicht will, dass ich mich unerwünscht fühle.

Als es klingelte wischte ich mir schnell die Tränen ab und der Funktionsmodus übernahm. Mein Vater sprach auf der Fahrt kaum mit mir und auch als wir die Bescherung machten, sagte er die ganze Zeit, dass wir bald los müssten, weil er wieder nach Hause (auf die Insel) fahren müsse und schaute nicht bei den Geschenken zu, sondern schaute auf sein Smartphone und sagte kaum ein Wort. Auch auf der Rückfahrt kam kein Wort, außer wenn ich etwas fragte. Dann setzte er mich ab und ich wünschte ihm schöne Feiertage. Er schaute dabei nicht zu mir, aber ich schaute ihn an und wartete bis er das merkte, damit wir uns wenigstens zum Abschied einmal ins Gesicht schauten. (Im Auto saß ich auch hinten durch Corona)

Dieses Jahr habe ich meinen beiden Eltern von den sexuellen Missbräuchen erzählt und es hat die Schlucht zwischen uns wachsen lassen. Es hagelte Vorwürfe statt Verständnis. Heute morgen wachte ich auf und erinnerte viele schwere Zeiten, in denen sie mich komplett alleine ließen. Mobbing, Selbstverletzung, Klinikaufenthalte, Operationen um nur ein Paar zu nennen. Was mir vor allem weh tat und sich eingebrannt hat war der Satz meines Vaters, dass ich ihm total fremd sei. Er formulierte es noch abwertender, aber ich erinnere es nicht mehr. Heute morgen, als mich die Erinnerungen überfluteten, dachte ich an diesen Satz und wie sie mich auch hätten kennenlernen sollen, wenn sie so desinteressiert, grob vernachlässigend und physisch abwesend und immer noch sind. Auch dieses Mal hätte er ja die Möglichkeit gehabt wieder mehr von mir kennen zu lernen, aber er hat sich dazu entschieden, dass ich für ihn die Fremde bleibe.

Nun zu dem schönen und unverhofften Teil:

Meine jüngste Schwester und ich haben seit meinem letzten Besuch viel Kontakt und herausgefunden, dass wir viele gemeinsame Interessen haben. Sie möchte auch nächstes Jahr studieren und wir tauschen uns auch darüber aus. Auch weiß sie von meiner Schwerbehinderung seit letztem Jahr und es hat zwar einen Moment gebraucht, dass sie realisierte, dass psychische Erkrankungen auch dazu führen können, sie lehnt das Thema aber nicht ab. Vor einigen Tagen habe ich es dann gewagt und sie einfach mal gefragt, ob es für sie okay wäre, wenn ich ihr irgendwann mehr über mich erzähle und warum ich früher so war. Für sie war besonders schlimm und prägend meine Magersuchtsphase und ist einmal anscheinend ausgerastet, als wir mit der Familie in einem Restaurant waren und ich nichts aß. Also darüber, dass alles es totgeschwiegen haben und ihr auch niemand etwas erzählte. Damals war sie aber ein Teenager und wünschte sich einfach nur dass alle in unserer Familie „normal“ wären. Deswegen hatten wir auch länger keinen Kontakt, weil ich in dieses Konzept nun nicht gerade passe. 😀 Jedenfalls ist sie offener und reifer geworden und rief mich auf meine Frage sofort an. Sie sagte, sie würde gerne mehr erfahren, hätte aber Sorge, falsch zu reagieren. Ich schlug vor, dass ich ihr das in schriftlicher Form mitteilen könnte, damit es nicht so konfrontativ ist, was alle meine Schwester ja nicht gelernt haben. Sie fand die Idee sehr gut und sagte, dass sie mit Gefühlen von anderen auch nicht gut umgehen kann, wenn eine ihrer Freundinnen zum Beispiel doll weint, dann telefoniert sie lieber mit ihnen, als persönlich mit ihnen zu sprechen. Sie sieht aber auch, dass das daher kommt, dass es sowas in unserer Familie nicht gab. Danach telefonierten wir noch länger weiter über ganz viele andere Themen und auch gestern rief sie mich spontan an, um etwas Schönes mit mir zu teilen. Als ich ihre Nachts ein frohes neues Jahr wünschte, schrieb sie mir, dass sie sich für 2021 vor allem wünscht mehr Zeit mit mir zu verbringen. Das war unheimlich schön zu lesen.

Desweiteren hatte ich eine fantastische Zeit mit meinem Neffen, der auch Liebe zeigen kann, wie auch immer er das mit meiner Schwester als Mutter gelernt hat. Er zeigt und kommuniziert das sehr offen und auch, was er nicht gut findet. Seit Corona hat sich die Beziehung zu ihm und meiner Schwester unheimlich gebessert und ich war sehr stolz und gerührt das vor Ort zu sehen. Auch wenn ich sie als sehr kontrollierend empfinde, so wie sie es ja auch bei mir versuchte. Mit seiner Tante Mondmädchen gab es aber keine Kontrolle sondern ganz viel Quatsch machen, Fantasiespiele, Toben, Lega bauen und spielen. Er kuschelte sich abends mit den Füßen an mich, als wir zu dritt einen Film schauten und als ich Gute Nacht sagte, kam er auf mich zu gelaufen, umarmte mich und sagte „ich finde es cool, dass du heute hier schläfst. Kannst du nicht länger bleiben?“ Das war für mich das Gegengift für das was ich mit dem anderen Teil der Familie erlebte. Das ist eine wundervolle Erinnerung, die ich mit nach 2021 nehme. So ein wundervolles Kind, das es in dieser Familie nicht einfach hat und selbst meinen Eltern mit so viel Liebe begegnet, obwohl sie sich einen scheiß für ihn interessieren und diese Liebe gar nicht verdienen. Meine Schwester erzählte mir das und für sie ist es sehr schwer durch ihren Sohn nochmal zu erfahren, wie unsere Eltern auch mit uns waren.

Ich wünsche euch allen ein fabelhaftes neues Jahr, schöne neue Momente und Veränderungen!

Mein Vorsatz ist, einfach Ich zu sein und unaufhörlich in meinem Tempo weiter zu wachsen. 😉