Puh, was für ein Start in die Woche

Den Sonntag verbrachte ich im Krankenhaus und Montag beim Chirurgen. Ich werde wohl bald operiert und all das war sehr kräftezehrend, denn Krankenhaus ist immer sehr triggernd. Dazu dauerhafte Schmerzen und Schmerzmittel, mein Start in die Woche war ziemlich matschig. Gestern brachte ich dann die erste Matheklausur hinter mich und danach hatten wir PW. Ein Fach, bei dem ich mir eigentlich keine Sorgen mache, da ich mich sehr häufig melde und auch inhaltlich, sowie von den Hausaufgaben viel beitrage. So viel, dass ich manchmal schon denke, die anderen sind bestimmt genervt. Der Unterricht interessiert mich sehr und macht auch spaß, deswegen machte ich mir keine Sorgen, als es zur Notenbesprechung ging. Generell schätze ich mich eher immer schlechter ein, doch hier dachte ich auf jeden Fall 1-2. Die Lehrerin sagte mir 2-3, was ich nicht verstand. Ich fragte nach dem Grund und sie sagte, noch mehr Beteiligung, ich war verwirrt, weil mein Arm ja schon ständig oben war und ich nicht wusste, wie ich das noch ausbauen könne. Viele aus meiner Klasse, die sich ähnlich viel beteiligten, hatten eine eins. Am Ende fragte ich nochmal nach, weil ich dachte, dass da vielleicht ein Fehler unterlaufen war, oder mein Vortrag vielleicht schlechter war als gedacht. Sie sagt, nein der wäre gut gewesen, aber ich würde immer erst nachdenken, bevor ich mich melden würde und andere lautere und schnellere Leute, die würden eine eins bekommen. Ich fragte, wie ich das dann ändern solle, denn ich könnte mein Wesen ja nicht ändern. Ich spreche eher ruhiger und bedacht. Achte auf Qualität vor Quantität, wodurch ich zum Beispiel in Psychologie auf eins stehe. Gerade weil ich nicht rumlabere, sondern es fachlich auf den Punkt bringe. Das sehe ich eigentlich als eine meiner Stärken und was unfassbar traurig, dass das der Grund war. Mir stiegen Tränen in die Augen und ein emotionales Flashback folgte daraufhin. Etwas aus meiner Teenagerzeit, wie ich jetzt soweit identifiziert habe. Ich weinte so viel und war in dem Schmerz von damals und schaffte es kaum mich zu beruhigen. Mit verquollenen Augen nahm ich an dem restlichen Unterricht teil. Was aber sehr schön war ist, dass meine Klassenkameraden auch mit Unverständnis reagiert haben, dass sie mich so bewertet hat und sogar Leute auf mich zu kamen, mit denen ich sonst eher keinen Kontakt habe. Ich fühlte mich in dem Moment so machtlos. Es ist schwer zu beschreiben, was da alles auf mich einstürzte, da es von außen betrachtet ja wie eine „kleine Situation“ aussieht. Auch heute noch habe ich daran zu knabbern, denn ich kann die Begründung meiner Note nicht nachvollziehen. Noch anderthalb Wochen, bis zu den Ferien und zwei Klausuren. Versuche irgendwie durch zu halten.

Mein Körper und ich

Komisch, dass so separat zu nennen. Mein Körper und ich. Mein Körper, bin doch auch ich, nur fühlt es sich nicht so an. Mein Körper und ich stolpern so mit ach und krach durch die Wochen der Klausurenphase, bis in zwei Wochen dann endlich Ferien sind. Wir geben unser bestes, er hat zu kämpfen, da weder die drei Zahnarztbesuche Besserung verschafft haben, noch mein Handgelenk durch zweimal die Woche Physio-Therapie besser geworden ist. Somit versuche ich meine rechte Hand weniger zu belasten und nehme mehr die Linke und auf der linken Seite kann ich nicht aufbeißen durch den Schmerz und kaue nur noch auf der rechten Seite. So kommen mein Körper und ich durch die Wochen. Ich versuche ihn genug zu nähren, was gleichzeitig Futter für Essstörung und Körper-Schemata Störung ist. Heute traute ich mich nach Wochen, des genug Essens endlich wieder auf die Waage und stellte mit Erstaunen fest, dass ich statt zu, sogar abgenommen habe. Verkehrte Welt. Das war für mich wieder ein Zeichen, dass ich meinem Gefühl, wie ich meinen Körper wahrnehme nach wie vor nicht trauen kann. Es ist verzerrt. Dennoch versuche ich diesen Körper zu respektieren. Ich muss ihn nicht lieben, um ihn zu respektieren. Ihn ruhen zu lassen, wenn er erschöpft ist, ihn schlafen und regenerieren lassen, für die Schmerzen, die er tagsüber gerade aushält und natürlich Nahrung. Ich habe beschlossen, seit ich wieder regelmäßiger esse, dass ich dann auch vieles selber machen will. Natürlich könnte man nun denken, dass es sehr löblich ist, viel selbst zu zu bereiten, doch unverarbeitete Lebensmittel selber zu verarbeiten heißt auch zu kontrollieren, was dort genau hinein kommt. Diese Kontrolle brauche ich, genau zu wissen, was ich da esse, wenn ich schon so „viel“ esse. In der ersten Ferienwoche werde ich zweimal Traumatherapie haben und die Zweite dann komplett frei. Meine Therapeutin sagte, wir müssen noch überlegen, welches der Traumata wir dann bearbeiten. Das passte irgendwie so gar nicht in meine „Lernwelt“ und ich dachte nur: „Achja, das gibt es ja auch noch. Traumata? Keine Ahnung… muss ich vielleicht im Blog mal nachlesen.“ Fein säuberlich vergraben um zu funktionieren. Etwas Angst macht es mir schon, mich wieder damit auseinander zu setzen. Auch äußerte ich die Sorge, danach nicht mehr funktionieren zu können. Meine Therapeutin wies auf meinen Funktionsmodus hin, Irgendwie ist das auch ein zweischneidiges Schwert, denn es ist irgendwie auch so absurd, die Hölle in der Traumatherapie wieder zu durchleben und nur wenige Momente später hinaus zu spazieren „tralala war was? Ich gehe jetzt einkaufen lalala“ das wieder soweit von sich abzuspalten, um zu funktionieren. Weiß nicht, aber irgendwie macht mich das nachdenklich… Ich weiß auch nicht, warum mich das gerade so stört. Manchmal erzählt mir die Therapeutin Dinge und Themen aus der letzten Traumatherapie und ich denke „Aha, ist ja interessant, davon weiß ich nichts mehr.“

Vermutlich könnte ich auch nicht damit überleben, wenn alles immer präsent wäre, aber das bringt mich gleichzeitig auch so sehr weg von mir. Wenn ich in dem Modus bin, dann bin ich nicht wirklich und es heißt „Mein Körper und ich“ Nicht dass ich wüsste, wie es anders ist, aber da möchte ich doch hin… und nicht mehr alles als abgespalten wahrnehmen, sondern mir zugehörig.

Warum erinnere ich so wenig?

Ich dachte immer, es sei normal kaum etwas aus seiner Kindheit zu erinnern. Vor allem aus früheren Jahren weiß ich nichts. Höchstes aus Erzählungen oder Fotos. Es gibt wenig Momente, die ich erinnere, als Fetzen und zusammenhangslos. Eine der wenigen frühen Erinnerungen sind mit meiner damals besten Freundin. Wir saßen zusammen auf einer Art Bank im Kindergarten. Und an das Schokokuss-Essen auf ihrem Geburtstag, da waren wir vermutlich schon in der Grundschule. Auch gerade kann ich zum Beispiel abrufen, dass ich irgendwann mit Inlinern gegen unseren Zaun fuhr und damit umkippte. Eine Nachbarin verarztete mich. Die Narbe habe ich noch heute. Aber ansonsten ist da so wenig. Und ich weiß, dass ich ein Entwicklungs-Trauma habe, aber die Schocktraumata fanden erst später statt, soweit ich eben erinnere. Ich weiß auch, dass es nichts bringt sich zu fragen, was da war. Aber sind es nicht unsere Erinnerungen, die uns Formen und beeinflussen, wer wir heute sind? Da werden auch noch viele schöne Erinnerungen aus meiner Kindheit sein. Doch ich erinnere sie nicht. Es ist merkwürdig zurück zu blicken auf einige Fetzen und die Erinnerung beginnt dann weiter Bruchstückhaft und durcheinander im frühen Teenager-Alter. Da ist es zwar durcheinander, aber ich erinnere wenigstens etwas mehr und kann mit diesen Erinnerungen arbeiten, indem ich sie integriere und fühle. Es fühlt sich an als würde da ein Teil von mir fehlen.

Unfreiwilliges Outing

„Huhu, ich bin’s die Trauma-Folgestörung. Haste gedacht, du kannst einfach so zur Schule gehen und tun als hätte es mich nie gegeben? Tja, hier bin ich! Tadaa!“

Mit Mühe und Not schleppte ich mich gestern zur Schule und schaffte es heute einfach nicht zu dem dem ersten Block. In Pädagogik hatte ich bisher noch nie gefehlt und arbeite immer gut mit. Als ich zu dem nächsten Block, in der Pause eintraf begrüßte mich ein Klassenkamerad mit „Na schon wieder gefehlt?Tzzz, der Herr B. will dich und Schülerin x sehen und deswegen mit euch reden.“ Ich fiel auf allen Wolken, weil häufiger Schüler fehlen und es bei mir das erste Mal bei ihm war. Ich eilte zum Lehrerzimmer, wo der besagte Lehrer mir schon entgegen kam. Also fragte ich ihn, aus welchem Grund er mich sehen wolle und er sagte, dass er es komisch fand, dass ich fehlte, obwohl er mich gestern gesehen hatte und ich immer so engagiert sei und das nicht zusammen passte. Der Trigger schlug ein, zack bumm. HALLO HIER BIN ICH. Und ich musste weinen. Ich erklärte ihm, dass es mir nicht an Motivation, sondern an Gesundheit mangele und physische und psychische Einschränkungen habe. Er reagierte daraufhin verständnisvoll und riet mir, das auch meiner Klassenlehrerin offen zu legen. Ich wankte aus dem Flur und steuerte auf ein Sofa zu, denn ab diesem Zeitpunkt hypernventilierte ich und versuchte gegen meine Tränen anzukämpfen und die Schluchzer, die sich hoch bahnten. Meine Deutschlehrerin, die ich die nächste Stunde hatte, bog um die Ecke und fragte sofort, was sie machen könne. Das führte dazu, dass ich erst Recht in Tränen ausbrach und noch mehr um Luft rung. Sie bugsierte mich nach draußen vor die Schule und fragte wieder was ich brauche. Ich sagte, dass ich bloß einen Moment brauche um mich zu sammeln und ein Taschentuch wäre gut. Sie gab mir die ganze Packung und sagte, dass ich mir so lange Zeit nehmen könnte, wie ich brauchte und sie zwar jetzt zur Klasse musste, aber ob sie jemanden raus schicken soll. Sie bat auch an, dass wir nach der Stunde sprechen. Die Panikattacke bekam ich schnell unter Kontrolle und konnte ihr sagen, was gerade vorgefallen war. Sie war sehr validierend und verständnisvoll. Wir gingen zusammen zur Klasse und ich konnte wieder mitmachen. (Mein Alltag halt mit Trauma-Folgestörungen.) Nach der Stunde sprachen wir noch kurz und sie bot sich als Ansprechparterin an und auch, dass sie mir helfen wolle, dieses Jahr zu schaffen. Generell ein sehr validierendes Gespräch.

Vielleicht ist es gut, dass mich der Trigger unfreiwillig outete, denn es ist verdammt anstrengend diese Fassade aufrecht zu erhalten und „gesund“ zu wirken. Sie hat mich trotzdem im Unterricht wie immer behandelt. Das war sehr schön und ich überlege es auch bei weiteren Lehrern offen zu legen. Auch um zu vermeiden, dass wieder sowas gedacht wird wie Herr B. Ich denke bei meiner Klassenlehrerin wird es auch früher oder später eh notwendig sein.

Es ist schwierig zu entscheiden, wann, ob und wieviel offen gelegt wird. Denn mein größtes Gebot ist auch, mich zu schützen. Doch in solchen Situationen, in denen ich sehr angreifbar bin und die Symptomatik so unfreiwillig sichtbar, wäre es vielleicht gut wenn einige Bescheid wissen. Auch, um mir den Druck zu nehmen. Die Angst davor, nun anders eingeschätzt und bewertet zu werden bleibt leider. (Nicht bei der Deutsch-Lehrerin) Indem ich mich öffne, kann ich mir auf der einen Seite helfen und mache mich dennoch angreifbar. Auch werde ich nur sagen, dass ich gesundheitlich massiv beeinträchtigt bin. Und ich warte gerade noch auf den Bescheid, bei dem der Grad meiner Behinderung festgestellt wird. Vielleicht wäre auch das hilfreich, wenn es um Bewertung und Nachteilsausgleich geht.

Die Schwierigkeit mir Erholung und Pausen zu erlauben, wenn ich krank bin

Mein letzter Blogbeitrag kündigte es ja schon an, dass es mir körperlich immer schlechter zu scheinen ging. Das Wochenende hätte ich nutzen sollen um Bettruhe zu halten. Doch mein Gehirn hatte andere Pläne und ich war viel unterwegs und ließ mir auch spontan meine Haare färben. Ich trage seit Jahren schwarz, obwohl meine Naturhaarfarbe Dunkelblond ist. Nach einiger Zeit schimmer immer ein Ansatz durch und es sieht einfach blöd aus. Ich lasse nun also meine Haare in mehreren Schritten aufhellen und trage gerade einen Kupferton. Sieht frischer aus als ich mich jedenfalls fühle. In der Nacht wurde ich von Übelkeit geweckt, dennoch schleppte ich mich mit Hals und Gliederschmerzen zur Schule. Wegen den zwei Zahnarztterminen, hatte ich schon zweimal gefehlt und wollte nichts verpassen. Ich könnte heulen, weil mein Körper einfach nicht belastbar ist und ich von Stress sehr schnell körperlich krank werden. Nach dem zweiten Block, in dem ich gegen die Übelkeit ankämpfte, entschied ich nach Hause zu fahren. Und auch die Physio-Therapie heute Abend ließ sich absagen, trotz Ausfallhonorar. Das entlastet mich gerade und ich verfrachte mich ins Bett. Es fällt mir aber extrem schwer hier liegen zu bleiben und mein Kopf plant schon wieder einkaufen zu gehen etc. Ich muss da mal ein Machtwort sprechen. „AUSRUHEN JETZT!“ Dazu kommen Gefühle von Traurigkeit auf, dass ich fehle und Stoff verpasse. Dabei möchte ich doch gute Noten und einen guten Abschluss. Halt, denke ich da wieder. An diesem Punkt waren wir doch schon mal. Auf Biegen und Brechen wird das nicht mehr gemacht. Und wenn es dann durch die Erkrankung und nicht belastbar sein eine Note schlechter gibt, dann ist es eben so. Ich mache es so gut es eben geht unter meinen Voraussetzungen. Die nun mal anders sind, als bei Menschen, die nicht diese Erkrankungen haben. Das schlechte Gewissen sich auszuruhen bleibt aber. Vielleicht muss ich auch das noch üben. Mir erlauben, meinem Körper Ruhe zu gönnen, und nicht, wenn es wie jetzt schon laut aufschreit. Sondern, ab dem Zeitpunkt, ab dem ich Halsschmerzen bekam. Es ist schwierig meinen Körper dann nicht zu missachten. Meine Mutter lebte es mir vor. Dieses auf Biegen und Brechen. Und so will ich ja nicht sein. Also umlernen und üben. Gesundheit sollte an erster Stelle stehen und nicht die Noten.

Seelen kann man nicht kleben (tw! Passt auf euch auf!)

Ich musste auch an mein eigenes Höhlenbauen denken. Einige Ansätze in dieser Doku fand ich ziemlich gut und auch irgendwie auf eine Art validierend. Denn genau so hätte ich es mir gewünscht. Und vor allem, dass nicht mehr weggeschaut wird und solche Dokus überhaupt existieren.

(Nur die Schweigeminute fand ich irgendwie sehr unpassend. Weil er nicht tot ist und Schweigen im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch finde ich irgendwie geschmacklos. Vor allem wenn da Nachbarn etc. stehen. Vielleicht bin ich da auch nur empfindlich.)