Therapie mit Mundschutz

Zurzeit fahre ich so häufig es geht Fahrrad. Kräftemäßig klappt das einigermaßen und die restlichen drei Stationen fahre ich mit der U-Bahn. Drei Stationen und danach reiße ich mir dieses Ding vom Gesicht. Heute in der „Therapie“ haben wir besprochen wie es zukünftig weitergehen könnte mit der Traumatherapie. Meine Therapeutin ist so lange zu Hause, wie die Schulen geschlossen sind, da sie drei Kinder hat. Traumatherapie wäre wenn dann auch nur mit Maske möglich, bzw. vermutlich unmöglich, da das Trauma, dass wir zuletzt bearbeitet haben mit dem Mund zu tun hat und generell bekomme ich während der EMDR schwer Luft, von der Übelkeit mal ganz abgesehen. Was auch schwierig werden könnte, ist die Mimik meiner Therapeutin nicht zu sehen, was während der Traumatherapie für mich ziemlich wichtig ist. Also ist das auch keine Möglichkeit, was mich frustriert, weil ich endlich weiter machen möchte, um ein symptomfreieres Leben leben zu können, was so oder so noch viel Arbeit beinhalten wird. Was mir die letzte Zeit Antrieb gab um weiter zu machen, war das Gefühl, aktiv daran zu arbeiten, dass es besser wird und jetzt gerade können wir nur darüber sprechen, wie ich mich weiterhin stabilisiere und nicht in altes Verhalten falle.

Innere Monologe

Als ich auf meinem klapprigen Fahrrad im Sonnenschein nach Hause fahre, fühle ich mich wieder extrem erschöpft und leer. Eine Art von Müdigkeit, die nicht nur deinen Körper, sondern auch dein Inneres befällt. Zurzeit fällt das Funktionieren zunehmend schwieriger, obwohl es von außen betrachtet besser läuft. Die Flashbacks, die mich am Anfang der gezwungenen Traumatherapie-Pause überschwemmt haben, sind weniger geworden. Nur fühle ich dafür weniger. Zurück zur alten Strategie? frage ich mich, während ich die nächste Straße überquere. Ich liebe Fahrradfahren, dabei habe ich häufig Kontakt zum Innenleben und fühle mich frei, während der Wind, durch meine Haare weht und ich allem davon radle. Na gut, mein Fahrrad ist nicht gerade eine leise, zarte Elfe, mit der ich davon schwebe, sondern man hört es schon vom weiten klappern, aber es fährt und bringt mich dahin, wohin ich will. Ich muss schmunzeln, bei dem Gedanken daran, dass es etwa so ist, wie auch ich mich gerade durch das Leben manövriere. Nicht mehr das funktionstüchtigste Modell und schon einige Blessuren, doch es fährt immer noch. Wo war ich mit meinen Gedanken nochmal? Ach ja, ich fragte mich, ob es gerade zurück zu den alten Lebensstrategien geht. Weniger Erinnerungen, dafür mehr Körper-Schmerzen. Altbekannt. Essstörungsgedanken und Verhalten? Erzähl mir was neues. Dissoziation und Funktionsmodus? Ach was. Das würde natürlich auch das Abebben der Trauma-Inhalte erklären. Um ehrlich zu sein finde ich es okay, dass es so ist, denn normalerweise hätte ich damit Hilfe während der wöchentlichen Traumatherapie. Telefon bzw. Videochat – Therapie (wenn es mal funktioniert) ist ein Witz. Also wird gerade alles fein säuberlich wieder innerlich verstaut, was so mühsam hervorgeholt wurde, die letzten Monate. Aber vergessen ist es nicht, denn es gibt ja noch mein externes Gedächtnis, meine Therapeutin. Nur will ich von mir auch gerade nicht verlangen, dem ausgesetzt zu sein, wie es kurz nach dem Traumatherapie-Stop war. Denn da habe ich gar nicht mehr in der Realität gelebt. Während ich Richtung nach Hause radele, in dieser viel zu großen Stadt, da kommt noch ein neuer Gedanke dazu und zwar, dass es gerade im Jetzt schon wesentlich besser ist, als es mal war. Und ich all das mir selbst erarbeitet habe. Es ist nicht das, wo ich sein möchte, aber es ist besser als das, wie es mal war.

 

 

Liebe Community

Ich sah gestern einen neuen Beitrag über DIS und rituelle Gewalt auf ze.tt und in mir kamen Gefühle und Gedanken hoch, dass ich so froh über diesen Ort hier bin, an dem Menschen, die beinahe nicht überlebten irgendwie überleben und sich austauschen können. Ich habe das selbst nie erlebt und meine Geschichte ist eine Andere, dennoch musste ich an euch denken. Wie dankbar ich für diesen Ort bin, den Austausch und dass ihr alle hier seid und eure Gedanken, Gefühle und Erlebtes teilt. Mein Blog existierte schon, bevor ich von meiner eigenen komplexen Traumatisierung wusste und es hilft mir immer noch mein Erleben irgendwie in Worte zu fassen. Als Erinnnerungskatalog, da ich so viel vergesse und als Ventil für die Dinge, die in normalen Leben nicht genügend Platz finden. Ich bin so dankbar über eure Worte, die mir in vielen schweren Situationen, die letzten Jahre geholfen haben. So, genug Rührseligkeit für heute, jetzt ab zur Telefontherapie à la 2020.

 

Einsamkeit

Ich weine, weil ich mich so alleine fühle nachdem wir uns heute sahen. Von außen betrachtet ein schöner Tag in der Natur. Sogar mit Sonne. Trotzdem laufen jetzt die Tränen über meine Wangen und ich denke „ich muss das mit uns beenden“. Schlimmer als Einsamkeit, wenn man alleine ist, ist Einsamkeit, wenn man bei jemanden ist, der einen nicht sieht und emotional nicht erreichbar ist. Hallo Kindheit. Hallo Mama und Papa. Hallo. Hört mich jemand. Nein. Nein, wieder nicht. Als ich dich nach meiner Weisheitszahn-OP bat ein wenig zu bleiben, sagtest du, dass hätte ich vorher noch sagen sollen. Jetzt wärst du mit deinen Mitbewohnern verabredet. Nach der OP war ich extrem getriggert und aufgewühlt. Ich fragte nur nach zehn Minuten, die du noch bleiben könntest und mich umarmen. Du sagtest ungehaltener, dass du dich jetzt nicht rechtfertigen willst, warum du jetzt gehst und noch verabredet bist. Du bist nicht dafür da um mich zu beruhigen, ich verstehe das. Das alte Gefühl kommt in mir hoch. Extreme Schmerzen und ich habe niemanden, der mir beisteht. Ein Gefühl aus meiner Vergangenheit. Bitte, kann mich jemand in den Arm nehmen. Ich habe Schmerzen und Angst. Du bist dann gegangen. Auch da weinte ich. Wieder allein mit meinen Schmerzen vermischte Vergangenheit und Gegenwart. Immer ist etwas wichtiger. Meiner Vater fuhr mich wegen meinen Schmerzen damals nicht direkt zum Ultraschall, wie es der Arzt verordnete, sondern er hatte eine Erkältung und wollte lieber nach Hause. Das gab anschließend Ärger von dem Arzt für meinen Vater. Ich verstand das damals nicht und wollte nicht, dass mein Papa Ärger bekommt. Eine so vieler Erinnerungen an Abwesenheit meiner Eltern, während ich Schmerzen hatte oder operiert wurde.

Heute bist du nicht darauf eingegangen, als ich sagte, es habe mich traurig gemacht, als du gegangen bist. Ich schäme mich mittlerweile überhaupt gefragt zu haben, dass du noch kurz hättest bleiben können. Du gehst mit keinem Satz darauf ein, was ich gerade gesagt habe und erzählst etwas ganz anderes. Ich fand es schon immer paradox, wie ich überhört werden kann und konnte. Wie heißt diese Art der Kommunikation? Ich verstehe sie nicht. Als hätte ich nie ein Wort gesagt. Diese Form von Einsamkeit ist schwer zu beschreiben. Bei dieser Einsamkeit löst man sich langsam auf und wird unsichtbar.

Sauerteigbrot backen – ein Lernprozess

Zugegebenermaßen ist gerade vielleicht nicht der beste Zeitpunkt zu backen, da mir vor zwei Tagen ein Weisheitszahn gezogen wurde und ich es dadurch leider nicht probieren kann. (Höchstens lutschen) Letzte Woche gab mir eine Freundin etwas von ihrem Anstellgut ab. Das entflammte meine Neugier eigenes Brot zu backen. Als ich dann heraus fand, wie geduldig man dafür sein muss, wie zeitintensiv der Prozess alleine für das Anstellgut war, dachte ich „das schaffe ich doch niemals“. Von dem Backprozess mal ganz abgesehen. Mir fehlte außerdem eine große Schüssel und Küchenwaage. Schüssel lieh ich mir und Waage wurde durch Messbecher ersetzt. Soweit so gut. Ich las mich in die Materie ein und wurde immer ängstlicher Fehler zu machen. Als ich dann heute morgen den Sauerteig, der über Nacht in meiner Küche ruhte, mit dem Hauptteig vermengte sah das Ganze auch alles andere als perfekt aus. Ich wollte es dennoch weiter versuchen, denn ich war schon so viele Schritte durchlaufen und hatte mir Mühe gegeben. Was am Ende dabei rauskommen sollte, selbst wenn es ein harter Klumpen wäre – weiter versuchen! Um ehrlich zu sein nehme ich es mit den Maßangaben auch nie so genau. Mein Geometrielehrer trieb ich damals damit in den Wahnsinn, wenn ich versuchte alles frei Hand zu zeichnen.

Als der Teig dann endlich im Ofen war, saß ich gespannt in der Küche und es ging tatsächlich auf! Leider hatte der Tipp meiner Freundin, ein Blech mit Wasser darunter zu stellen, dazu geführt, dass es oben zu dunkel und unten zu hell gebacken wurde. Aber wisst ihr was? Ich bin total stolz. Es ist einfach aufregend zu sehen, was am Ende dabei heraus gekommen ist und es sieht zwar nicht perfekt aus, aber riecht schon himmlisch. Und ich weiß genau, was ich nächstes Mal anders machen werde, um an der Kruste zu arbeiten.

Sauerteigbrot backen ist ähnlich wie der Prozess, den ich gerade mit einer Traumaarbeit durchlaufe. Es braucht viel Geduld. Motivation. Zeit. Ruhe. Und immer wieder neu versuchen. Neue Erkenntnisse dazu gewinnen.

Es ist ein schöner Prozess, selbst etwas herzustellen, was so viel Mühe kostet und am Ende ein fertiges Produkt in den Händen zu halten.

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Endlich eine Antwort vom Spendenfond

Für alle, die sich fragen, was es mit dem Spendenfond auf sich hat: Letztes Jahr im Sommer habe ich zusammen mit meiner Traumatherapeutin beschlossen, dass ich einen Antrag bei dem ‚Fond sexueller Missbrauch‘ stelle. Die Unterlagen konnte ich mit Hilfe meiner damaligen Bezugsbegleiterin und einer Frau ausfüllen, die für den Fond arbeitet und Hilfestellung gibt. Sie schrieb und ich erzählte. Die Details musste ich dort nicht erzählen, sondern es gab die Möglichkeit, dass meine Therapeutin dies aufschrieb und ich mit ihr das im geschützten Rahmen durch ging. Nichtsdestotrotz war dies emotional ein Kraftakt. Früher wäre dies nicht mal möglich gewesen, dass ich in betracht ziehen würde, mir stünde diese Hilfe zu. Denn mein Kopf gab noch mir die Schuld und sah das alles nicht als Missbrauch. Heute weiß ich, dass es so war und sich daran leider nichts rütteln lässt, auch wenn ich leugne. Die Traumatherpie(EMDR) ist, was vor allem diese Realisierung bringt. Denn ich werde dabei mein eigener Zeuge. Die Symptome sprechen für sich und schreien seit unzähligen Jahren nach Aufmerksamkeit. Mit dem Spendenfond gibt es die Möglichkeit finanzielle Untersützung für den Heilungsprozess zu bekommen. In meinem Fall ist das zunächst die Übernahme meiner Traumatherapie, wenn die Krankenkasse nicht mehr zahlt, sowie zahnmedizinische Sachen, die im letzten Jahr gemacht wurden. Es muss nur begründet werden, wie dies mit dem Trauma zusammenhängt und der ein oder andere wird sich nun bestimmt fragen, was die Zähne mit sexuellem Missbrauch zu tun haben. Sehr viel in meinem Fall sogar. Ähnlich wie die Essstörung. Oder mein ganzes Körperbild/empfinden.

Jetzt die gute Nachricht: Es wurde genehmigt! Und ich werde am Dienstag das zahnärztliche Rechenzentrum anrufen, damit mir zugesendet wird, was noch zu bezahlen ist. Ich bin sehr gespannt, ob das auch alles klappt. Der Moment, in dem ich den Bescheid las, fing sich alles an zu drehen und es ist, auch wenn es rechtlich nicht relevant ist, eine Art von „jemand glaubt mir“ und „ich bekomme Hilfe“ „Jemand hört mich und meine Geschichte“.

Erhaltet ihr schon Unterstützung vom Spendenfond und wie nutzt ihr diese Hilfe? Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht? 

Meine Aggression gibt dir ein ungutes Gefühl

Meine Aggression, die du gestern wahrgenommen hast, als ich über den Mann sprach, der meiner Schwester und ihrem Freund drohte, hat dir ein ungutes Gefühl gegeben, sagtest du. Und du wolltest es gerne ansprechen, weil du das mit uns gerne ganz offiziell machen würdest. Auch siehst du das ganze mehr als Diskussion, ich laut deiner Aussage als persönlichen Angriff.

Wenn du denkst, dass ich gestern aggressiv war, dann solltest du meine Wut über deine Worte heute mal sehen. Denn es gibt hier keine sachliche Diskussion darüber, dass ich negativ denken würde und alle Männer kategorisiere. Das IST ziemlich persönlich.

Vielleicht habe ich gerade einen Nervenzusammenbruch, oder eine Schraube, die schon länger locker sitzt, von all dem Mist, den ich mir über die Jahre von Männern anhören musste, ist nun endgültig raus gefallen. Jedenfalls musste ich erst hysterisch lachen, als ich das las, dann kamen Flashbacks mit ähnlichen Situationen auf mich eingestürzt und weinen. Dann wieder lachen. Ohje. Aber ich fühle etwas und lasse es laufen.

Oh und ja ich bin wütend. Endlich wütend. Und selbst wenn ich nicht selbst betroffen wäre, dann würde mich sowas wie häusliche Gewalt wütend machen. Meine Wut durfte niemals sein und jetzt ist sie da.

Am besten war der Satz: Zwei Stunden davor, sagte ich dir doch noch, dass ich dich vermisst habe, warum sollte ich dir jetzt was böses wollen?

Wieder hysterisches Lachen von mir. Ups, ich glaube, ich bin getriggert.

Nein du hast recht, wenn man sowas sagt, ist alles was danach kommt rein gewaschen. Und jemand der dir „ich liebe dich“ sagt kann dich auch nicht ***********.

Wie gesagt, ich bin noch nicht wieder bereit für Beziehungen dieser Art und ich denke auch nicht, dass er mir etwas schlechtes will, oder wollte. Nur habe ich eh schon täglich mit Traumasachen zu kämpfen, die durch EMDR offen sind, die wir gerade in der Praxis nicht mehr bearbeiten können. Diese Trigger killen mich. Interessant finde ich auch, dass immer nur mein Verhalten, Denken, Fühlen thematisieren und auseinander gepflückt wird. Uh, wieder ein Trigger.

Da ist sie wieder, die wütende Frau.

 

Kontakt zu Männern (Triggerwarnung)

Ich erzähle dem Mann, den ich seit Anfang des Jahres kenne, von meiner Schwester und ihrem Freund. Diese wurden Zeuge häuslicher Gewalt und ein Kind lebt dort und ihr Freund wurde von dem Nachbarn bedroht, als er dazu kam. Meine Schwester und ich berieten, was sie tun könnte. Sie möchte nicht zur Polizei gehen, was ich auch als ihre Entscheidung akzeptiere. Sie verständigt aber das Jugendamt und den Vermieter. Ich sagte, dass ich dem Täter nicht diese Macht geben würde, auch wenn er gesagt hat, dass er ihnen etwas antut, wenn sie die Polizei verständigen. Dass es mich wütend macht, wenn jemand versucht so jemanden einzuschüchtern.

Er erwiderte darauf nur, dass ich ich mich zu sehr in die Opferperspektive steigern würde und wer danach gefragt hätte, wie ich bei sowas reagieren würde. Ich war so perplex, dass das seine Antwort darauf war.

„… Dein Denken ist immer so negativ.“

„Ich weiß ja du hast solche Erfahrungen gemacht, aber immer sind alle Männer böse, schlecht…!“

Nicht weinen denke ich. Nicht weinen. Bleib stark.

„Ich möchte dass du gehst!“ Er steht auf und geht. Als die Tür ins Schloss fällt weine ich vor Enttäuschung, aber auch vor Wut und sacke auf dem Boden zusammen.

Das hätte ich gerne noch gesagt:

„Ja ich denke da hast du sogar recht. Und wenn du das erlebt und in Menschen, insbesondere auch Männern gesehen hättest, würdest du diese Worte nicht sagen. Du hättest genug Empathie um zu verstehen, warum mein Gehirn so denkt, wie es denkt. Ich stecke mitten in der Traumatherapie und bin täglich mit neuen Sachen konfrontiert, die hoch kommen. Meine Sicht auf die Welt und deren Bewohner ändert sich nicht über Nacht. Aber ja, zurzeit sind meine Gedanken bezüglich Menschen allgemein und nicht nur Männern, sehr misstrauisch.

Ich bin gerade so durch damit, was Kontakte zu Männern angeht. Diese Beurteilung darüber was ich denke, sage, trage etc. es ist einfach so massiv triggernd und macht mich einfach mittlerweile nur noch wütend. Ich werde mich wieder auf meine wenigen Kontakte zu Frauen beschränken. Vielleicht ist es auch gerade nicht die richtige Zeit und zu triggernd mit Männern Kontakt zu haben. Ich bestreite nicht mal, dass meine Sicht darauf sehr geprägt ist, dennoch hätte ich mir mehr Empathie gewünscht.