Neue Erfahrungen und alte Trigger

Manche Trigger, treffen einen so hart und unerwartet. So war es gestern der Fall. Seit Januar treffe ich jemanden, den ich schon ziemlich ins Herz geschlossen habe. Er ist Sozialarbeiter und generell offener, für Menschen, die etwas anders ticken. Immer wieder rechnete ich damit, dass es ihm irgendwann zu viel werden würde, so wie der Person davor, was mir so weh getan hat. Wenn ich eine Person über einen längeren Zeitraum regelmäßig sehe, dann bekommt diese natürlich früher oder später auch einen Einblick in meine Welt, die geprägt ist von den Traumafolge-Symptomen. Zum Beispiel extreme emotionale Reaktion auf Trigger, Fluchtdrang, oder Dissoziation. Er reagiert intuitiv auf mich und erfragt Sachen. Bisher haben wir einen sehr guten Umgang gefunden, ohne dass zum Beispiel mein Fluchtdrang mich wirklich nach Hause brachte. Es hilft mir da zu sein. Wortwörtlich. Und besonders schön ist, dass er mich nicht anders behandelt, als bevor er diese Einblicke bekommen hat. Seine Antwort war nur, dass er nun meine Stärke noch beachtlicher findet als vorher.

Gestern verließen wir gut gelaunt seine Wohnung und auf dem Weg nach unten zeigte ich ihm meine neue Sonnenbrille und zog meinen Mantel an. Mein Stil ist sehr durchmixt und ich trage manchmal etwas, naja sagen wir extravagantere Stücke. Das wäre früher undenkbar gewesen. Bloß nicht auffallen. Von den Männern, mit denen ich zusammen war, mal ganz abgesehen. Er ließ eine Bemerkung darüber fallen, dass er meinen Mantel nicht so mag und er fände, dass ich schönere Kleidungsstücke im Schrank hätte. Auf dem Weg zu Bahn, löste das innerlich eine Kettenreaktion aus und er verstand es nicht. Ich war schon in meinen eigenen Filmen drin und brach schluchzend in Tränen aus. Als meine Bahn kam, rannte ich weinend hinein, ohne ein Wort des Abschieds, oder eine Erklärung. Er blieb völlig verdattert am Gleis stehen und verstand verständlicherweise die Welt nicht mehr.

Bei mir war immer noch Weltuntergangsmodus und schluchzend suchte ich in der Tasche nach meinem Smartphone, um mich mit Musik zu beruhigen. Das Smartphone hatte ich bei ihm vergessen und fuhr sofort zurück. Er öffnete die Tür und zog mich in sein Zimmer. Fragte, ob ich ihm nun bitte erklären könnte, was los sei, denn er verstünde es wirklich nicht. Und ich brach komplett zusammen. Weinte, schluchzte, er zog mich in seine Arme und ließ mich weinen und brachte mich dazu, dass ich mich auf das Bett setzte und wieder besser Luft bekam.

Unter Tränen erzählte ich ihm, wie wütend ich über diese Bemerkung war. Dass negative Äußerungen zu meiner Kleidung sehr triggernd sind, da es für mich eine Ausdrucksform, eine Art Freiheit ist. Und diese häufig hämisch kommentiert wurde. Daneben mein Körper sexualisiert und auch bemängelt und beurteilt. Von so vielen Männern, die mir vorschrieben, wie ich zu sein hatte. Was IHNEN gefiel. Ich wurde zu einer Marionette. Dazu ein Bild von meiner Mutter im Kopf, wie sie vor mir steht und einfach nur lacht, als ich mir ein neues Stirnband gekauft hatte. Sie lachte und lachte und starrte dieses Stirnband an. Als ich fragte warum, sagte sie „ach nichts“. Das hat mich so massiv verunsichert.

Natürlich gefällt nicht jedem Menschen mein Stil. Vor allem wenn es ein extravaganter Mantel mit Plüschkragen und Blumenverzierungen ist. Aber ich liebe dieses Teil. Es gibt mir ein gutes Gefühl Kleidung zu finden, die mein Innen zeigen und meine Komplexität. Geschmäcker sind so verschieden wie die Menschen selbst. Meine Bitte an ihn war, dass er, wenn ihm Sachen nicht gefallen, dass einfach für sich behalten könnte, weil es für mich nur triggernd ist. Ich bin immer für Ehrlichkeit, aber dann wenn sie angebracht ist und der Geschmack einer Person, was sie für Musik hört, welche Frisur diese trägt, ob diese Körperbehaarung hat, Kurven, kleine Brüste, Narben, Piercings oder einen Faible für ausgefallene Kleidungsstücke hat, wenn diese Person sich damit wohl fühlt, dann spielt die Beurteilung einer anderen Person darüber keine Rolle.

Mir gefallen auch viele Sachen nicht, aber dann sage ich Dinge wie: „Ich finde es schön, wie selbstbewusst du in dem Kleidungsstück bist.“ Oder: „Zu dir und deinem Stil passt das sehr gut.“

Wenn man nichts nettes zu sagen hat, dann vielleicht einfach nichts sagen.

Was ich sehr schön fand ist, dass er das mit eigenen Erfahrungen von sich verknüpfen konnte und auch mich besser verstehen konnte. Außerdem haben wir ausgemacht, dass er, wenn ich so stark getriggert werde, ich mich erstmal beruhigen muss, weil vorher kein konstruktives Gespräch möglich ist. Es war eine sehr schöne Erfahrung, dass daraus so ein gutes Gespräch entstehen konnte.

Der schwarze Wintermantel

Das Gegengift wenn man so will und das, was für mich wirklich einen Unterschied in meinem eigenen Prozess macht, sind vor allem die neuen Erfahrungen, die ich mache. Deswegen wage ich mich auch immer wieder vor, mit dem Risiko erneut verletzt zu werden. Doch den Schmerz kenne ich bereits, dieser ist mir vertraut. Wenn ich wirklich ein anderes Leben kennen lernen möchte, fern von dem, was ich bisher kannte, dann gibt es für mich nur diesen Weg. Am Dienstag hatte ich Traumatherapie. Dort kamen neue Erinnerungen dazu, was eine Nacht anging, in der ich Suizid begehen wollte. Dort befand ich mich Barfuß, nur mit einem Nachthemd bekleidet draußen, bei winterlichen Temperaturen. Bisher konnte ich keine Wahrnehmung aus der Sicht des Erlebten fühlen, sondern eher als Beobachter von außen. Ich sah dieses Mädchen, rennen, frieren, zwischen Schnee und nassem Straßenpflaster, Barfuß auf dem Boden hockend. Am Abend nach der Traumatherapie war ich bei der Familie, für die ich gerade arbeite, welche sehr warmherzig, wertschätzend mir gegenüber ist. Die Arbeit macht spaß und ist zwar fordernd, aber gibt mir eine gewisse Form von Struktur und Halt. Als ich kam, fütterte die Mutter gerade das Kleinkind, das ich betreue und sie streckte ihre freie Hand nach mir aus um meine Hand zu berühren und bemerkte dabei, wie kalt meine Hand war. Sie sagte ich müsse mich wärmer anziehen, da ich ja anscheinend frieren würde, was ich nicht mal wirklich bemerkt hatte. Als sie nachts zurück kam und ich nach Hause gehen wollte, holte sie einen teuren, gefütterten und regenfesten Mantel aus dem Schrank und sagte, sie würde ihn mir gerne schenken, da sie ihn ansonsten eh weggeben würde. Der Vater ist Schauspieler und sie arbeitet auch in der Filmbranche, wodurch sie beide sehr gut verdienen. Ich wurde überspült von Emotionen, als ich das Haus mit dem Mantel verließ. Sie sagen mir beide mir auch häufig wie dankbar sie für mich sind und die Beziehung, die ich zu ihrem Sohn habe. Dass sie mir vertrauen etc. Sehr viel Wertschätzung, was ich nicht gewöhnt bin, da es so etwas bei mir in der Familie nicht gab. Draußen regnete es in Strömen und ich zog den Wintermantel über meinen eigenen, dünnen Mantel. Irgendwann rollten mir Tränen über die Wangen, nicht nur wegen der Wärme des Mantel, sondern weil sie sich darüber Gedanken gemacht hatte, ob ich frieren könnte. Das ist das Gegengift für diese andere traumatische Erinnerung, die ich an diesem Tag beobachten konnte. Sowas ist es, was mich noch hier hält, was mich unaufhörlich weiter machen lässt, bei diesem Prozess. Und davon gibt es gerade einige neue Erfahrungen. Es darf beides existieren, der Schmerz und die Trauer über das was ich bisher kannte und die neuen Erfahrungen, die sich wie dieser warme Wintermantel darüber legen. Es macht nichts gut, aber für den Moment besser.

Das Urteil

In den USA gab es nun ein recht hohes Urteil, welches sich nur auf die Aussagen des Opfers stützte, ohne physische Beweise. Ich weine, für alle, denen nicht geglaubt wurde, die Angst hatten, dass ihnen nicht geglaubt wird und ich für die Gerechtigkeit in diesem einen Fall, der auch Ähnlichkeit mit meiner eigenen Geschichte hat.

https://www.zeit.de/kultur/2020-03/harvey-weinstein-urteil-strafmass-sexualstrafrecht