SMS Gespräch mit meiner Therapeutin:

Ich: Menschen misstraue ich gerade wieder. Ist ziemlich schwer gerade, weil ich dadurch die Realität irgendwie anders wahrnehme, oder die Menschen in meinem Umfeld. Denke das ist viel angetriggert mit dem komplett hilflos und allein sein. Konnte es aber jetzt schon mal enttarnen, dachte vorher es wäre gerade „real“.

Meine Therapeutin: Das ist sehr nachvollziehbar, sie waren ja auch mit menschlichen Abgründen konfrontiert. Versuchen Sie die Emotionen zu zu lassen und am besten nichts zu unterdrücken. 

Mein Körper tut zur Zeit so sehr weh. Es fühlt sich an wie ein schlimmer Effekt mit angeschwollenen Mandeln, Fieber, Gliederschmerzen und dazu Magen und Darm. Als ich gestern überlegte dadurch die heutige Therapiesitzung ab zu sagen, entgegnete meine Therapeutin, dass sie sich fragt, was davon der Infekt ist und was durch die Traumatherapie ausgelöst. Und das von der Traumatherapie können wir verringern. Einmal hatte ich zum Beispiel einen steifen Nacken auf der linken Seite, eine Woche lang und nach der nächsten Sitzung war es weg. Eine Körpererinnerung wurde aktiviert.

Ich realisiere zurzeit viel in der Therapie und es zerstört meinen Kopf. Nein, es fühlt sich so an, aber eigentlich integriert sich abgespaltenes, das jetzt ins Bewusstsein dringt. Was sich so schlimm anfühlt. Es ist schwer zu begreifen. Was vor allem hilft ist mein Körper als Spiegel des Grauens. Er ist so laut und klar und tut weh, dass ich das nicht ignorieren kann.

Bahn fahren

Rastlos

Ruhelos

An keiner Station aussteigend

Nicht ankommen wollen

Lass die Zeit verstreichen

Es weniger weh tun lassen

Lass mich weiterfahren

Solange bis ich das Gefühl habe aussteigen zu können

Anzukommen

Ankommen zu wollen

Die neue Wohnung

Die neue Wohnung, die mir über das geschützte Marktsegment vermittelt wurde, für Frauen mit Gewalterfahrungen, entpuppt sich gerade für mich leider als Albtraum. Die Wand zu meinem Zimmer, welches an das des Nachbars grenzt (es scheint auch eine 1-Zimmer Wohnung zu sein) scheint aus Papier zu bestehen. Ich höre jedes Geräusch, Wort laut. Und der Herr schreit nachts gerne seinen Hund zusammen. Von dem ich bis auf zweimal Bellen bisher nichts vernommen habe… Kein Wunder, bei so einem Besitzer. Gestern um 5 Uhr morgens schreckte ich hoch, weil er wieder herum schrie und es katapultierte mich für die nächsten Stunden in eine Schockstarre, in der ich meinen Körper kaum bewegen konnte. Heute morgen meldete ich mich bei dem Verein, die mir die Wohnung vermittelte. Dies sollte nämlich eigentlich mein Schutzraum sein. Die Frau konnte mir leider nicht mehr Raten, als dass ich das Gespräch mit dem Nachbar suche und sie würde das Team um Rat fragen und sich nochmal melden. Inzwischen war ich viermal bei dem Nachbar und klingelte und klopfte. Ich wusste natürlich anhand der Geräusche, dass er da ist. Er machte nicht auf. Neue Ohropax habe ich mir eben in der Apotheke besorgt, aber die Angst zieht dadurch nicht aus meinem Körper aus, wenn ich in dem Schlaf/Wohnzimmer bin. Ich verbringe dann die Zeit mit Musik auf den Ohren, bis ich höre, dass der Nachbar schlafen gegangen sein muss. Ich habe ihn noch nie normal reden hören, immer nur in diesem aggressiven Ton.

Gerade kann ich einfach nicht mehr. Die Vorstellung, dass unter diesen Bedingungen nächste Woche wieder die Traumatherapie beginnt, fühlt sich wie eine Qual an.

Überraschung: Ich bin immer noch traumatisiert

Das durfte ich voller Staunen feststellen, als der ganze fein säuberlich verdrängte Kram über mich einstürzte. Monatelang hatte ich getan als hätte es als dies nicht gegeben, mich nicht mehr damit beschäftigt. Bin die Themen umgangen, habe auch nichts mehr dazu gelesen. Das ist der Preis des um jeden Preis funktionieren müssen. Ich will nicht lügen, auch dieses Jahr erwischten mich die ‚Feiertage‘ wieder mit voller Härte. Dass mir nun alles um die Ohren fliegt, hängt vor allem mit meinem neuen Nachbar zusammen. Die Wände sind aus Papier und er schrie einen Abend herum. Am Morgen ging es weiter, was zu einem Kurzschluss in meinem Gehirn führte. Dabei hatte ich doch alles so gut verdrängt. ERROR ERROR und da waren sie wieder: Die verdrängten Emotionen. Über die Monate versuchte ich mir auch einzureden der Gewichtsverlust von 4kg würde mit dem Stress zusammen hängen. Bullshit. Wann war denn mal kein Stress? Das war eine fette Selbstlüge, die ich mir da auftischte. Und morgen habe ich wieder Therapie, geplant war, dass ich über die Feiertage zu und nicht abnehme. Mein Gehirn kreischt ich wäre dicker geworden. Warum sind Essstörungen nur so verdammt unlogisch? „Komm, ein Kilo geht noch. Ein Kilo muss noch sein.“ hieß es heute Morgen. Warum? Mittlerweile weiß ich doch, dass durch wenig essen alle Symptome schlimmer werden, sowie Flashbacks. Es suggeriert eine Kontrolle, die nicht vorhanden ist, während man auf die Grundbedürfnisse seines Körpers scheißt. Das ist keine Kontrolle, das ist Selbstverletzung. Ich verstehe das alles, schon so lange plage ich mich damit herum und dennoch schaffe ich es gerade nicht, gegen diese Gedanken an zu kämpfen.

Die Traumatherpie beginnt diesen Monat wieder und es macht mich krank zu wissen, dass meine verzerrte Wahrnehmung meines Körpers und die schwierige Beziehung zu essen ihren Ursprung dort finden. Oh man, oder sogar Zähneputzen stellt manchmal eine Herausforderung dar. Deswegendeswegendeswegen. Es ist deswegen und das macht mich so verdammt krank, das zu wissen.

Wow, das ist vermutlich das erste Mal seit Monaten, dass ich ehrlich zu mir selbst bin. Willkommen zurück – Ich. Wer auch immer du bist.