Wie viel Verlust kann ein Mensch ertragen?

Wie viel Verlust kann ich ertragen? Diese frage habe ich mir im Laufe meines Lebens immer wieder gestellt, wenn Menschen wegbrachen, wie Eltern, Familienangehörige, vermeintliche Freunde und Partner. Ein Gefühl, das ich vor allem kenne ist, mehr emotional in einen Menschen zu investieren, als dieser in mich. Das unaufhörliche Gefühl immer wieder gegen eine kalte Steinmauer zu rennen. Weinend, bettelnd, flehend, mich näher zu lassen. Ein Gefühl, das ich mit meinen Eltern verbinde und auch mit Menschen, denen ich danach begegnet bin. Da gab es die Männer, die quasi besessen von mir waren. Deren Besessenheit Missbrauch und Gewalt war, weit fern von Liebe. Und dann gibt es da die Männer, die meinem Vater ähneln, eben dieser Steinmauer ähneln. Beide Versionen beinhalten eine ganz eigene Version von Schmerz.

Manchmal denke ich es gibt Zeiten, da sammeln sich die Vorfälle. So ein Tag ist heute und ich frage mich, wie viel ich noch an Schmerz aushalten kann. Heute sagte mir der Mann, mit dem ich mich seit einigen Monaten treffe und welche emotional sehr schwer erreichbar ist, dass unser Kontakt für ihn eher familiär ist und es für eine Beziehung nicht reicht. Lieb, verständnisvoll und Zugewandt war er immer, aber mit eben dieser Steinmauer. Oft fühlte ich mich nach unseren Treffen innerlich leer und einsam. Aber da war jemand, der Verstand und mit dem ich schöne Zeiten hatte. Ich verliebte mich in ihn und wir taten auch sonst alles, was Pärchen tun.

Heute ist der Tag an dem meine ehemals beste Freundin ausgezogen ist, ohne sich zu verabschieden, der Tag an dem die zwei fremden Frauen einzogen und der Mann, in den ich verliebt bin, mir sagte, dass es emotional nicht reicht.

Er bezieht sich auch auf die letzten Wochen, in denen ich aufgrund von Krankheit und Traumatherapie keine sexuelle Sachen zulassen konnte. Nicht mal richtig küssen. Und er sagt der Kontakt zu mir fühlt sich eher familiär an wie zwischen Bruder und Schwester. Meine Gefühle sind aber trotzdem da, mehr als nur freundschaftlich. Mein Geburtstag ist am 10. und wir hatten schon geplant wie wir diesen verbringen.

Warum tut menschlicher Kontakt nur immer wieder so wahnsinnig weh? Jedes Mal wenn ich anfange Hoffnung zu haben und zu träumen, zerplatzt alles und ich stehe am Ende wieder allein da.

Ich möchte mich nicht mehr mit menschlichen Steinmauern umgeben. Das tut einfach zu weh.

Die Erkenntnis ist, wir haben uns. Das Innen. Das Mondmädchen System. Was auch immer es ist. Und das bleibt, selbst wenn alle anderen gehen und es wurden schon ganz andere Sachen überlebt. Das ist nur eine weitere Wunde, die sich zu einem Narbennetz gesellt. (metaphorisch gesehen)

Aber gerade tut es einfach nur so weh.

Ich lasse gehen, was mir nicht gut tut

Heute morgen bin ich durch die Geräusche wach geworden, wie Personen Sachen räumen. Meine ehemals beste Freundin zieht aus und hier ziehen dafür zwei fremde Leute ein, bis die Wohnung gekündigt ist. Keine Entscheidung, auf die ich Einfluss hatte. Eine Situation, mit der ich nun leben muss. Es wurde zuletzt sehr hässlich. Durch die Dinge, die im letzten Jahr zwischen mir und meiner ehemaligen Freundin passiert sind, habe ich mich distanziert. Schütze mich und dadurch fühlt sie sich abgelehnt. Sie gibt es zwar nicht zu, nachdem ich sie soeben darauf ansprach, doch als Trotzreaktion informiert sie mich über nichts mehr. Über Umwege fand ich heraus, dass heute eine der Frauen schon einzieht. Wenn mich etwas ich Hochstress versetzt, dann wenn ich mich auf Dinge nicht einstellen kann. Vor allem wenn ich vorher kein Mitbestimmungsrecht hatte.

Vor einem Monat noch überlegten wir an unserer Beziehung zu arbeiten, sobald wir nicht mehr zusammen wohnen. Ich habe nun entschieden, dass nachdem immer und immer wieder über meine Grenzen (und auch die unserer anderen Mitbewohnerin) gelatscht wurde, dass das keine Freundschaft für mich ist. Mein Kreis an vertrauten Personen verkleinert sich gerade wieder und es ist okay. Es ist okay lieber weniger Freunde zu haben, als beschissene. Einfach nur um nicht allein zu sein. Das bin ich nicht mehr bereit hin zu nehmen und ich denke mein Kreis wird sich auch wieder erweitern. Dieses Jahr habe ich sogar zwei neue Menschen in mein Leben gelassen, was für mich sehr viel ist. Und ich bin gerade auch bereit Menschen gehen zu lassen. Es ab zu schließen und mich nicht mehr darüber zu ärgern, was zurzeit immer wieder an Rücksichtslosigkeit passiert. Ich kann mir nämlich aussuchen mit wem ich mich umgebe und wie ich wohne. Daran arbeite ich gerade hart und erhalte auch Unterstützung von einem Verein für traumatisierte Frauen, den meine Therapeutin mir empfohlen hat. Ich bin nicht allein. Und was noch viel wichtiger ist, mein System läuft besser. Es ist ein angenehmerer Ort und es wird mehr akzeptiert und darf sein. Das gibt auch die Kraft solche Entscheidungen wie diese durch zu stehen. Es ist ja auch nicht die erste Person, von der sich verabschiedet wird, weil sie nicht gut tut. Im nachhinein war es immer eine gute, wenn auch schwierige Entscheidung.

Der Preis der Funktionalität

Meine neuere Mitbewohnerin hat zurzeit eine Krise, eine schwere depressive Phase und viele Ängste. Wir haben überlegt nach der Auflösung der WG zusammen eine Wohnung zu suchen, doch habe ich mich mittlerweile dazu entschieden, wieder zu versuchen allein zu leben. Dafür habe ich schon sämtliches beantragt und auch einen Verein für traumatisierte Frauen gefunden, der hilft, geschützte Wohnungen zu finden. Montag habe ich einen Termin bei eine Frauenberatungsstelle, da werde ich das beantragen. Ja, ich funktioniere. Meine Mitbewohnerin und ich haben gerade ein Gespräch darüber geführt, dass sie traurig darüber ist, dass ich als ihre Stütze wegfalle, da sie darauf gehofft hatte, dass ich sie mitziehe, da sie das selbst gerade alles nicht schafft. Mir ist klar, geworden, dass mir das zu viel ist. Sie weiß dass ich eine Traumatherapie mache, sieht aber zu Hause nur die Funktionierenden Ich Anteile. Sie vergleicht sich mit mir und findet es gerade schwer zu sehen, wie motiviert ich alles angehe und sie schafft nichts. Das hat mich gerade wirklich getroffen und ich habe versucht ihr zu erklären, dass es eine antrainierte Funktionalität ist, ein Übelebensmechanismus. Natürlich beantrage ich alles rechtzeitig, weil es niemand anderes macht und meine Eltern auch nicht meine Miete zahlen wie bei ihr. Ich habe nur mich, mein System. Doch es ist so viel mehr als diese sichtbare Funktionalität. Das Leid mit dem sie täglich gerade konfrontiert ist, ist bei mir zersplitter aufgeteilt. Wie eine Wohnung mit mehreren Türen, die fest verschlossen ist, nur manchmal fliegen sie einfach so auf und was dort hinter ist überrumpelt mich. Bei ihr ist es ein Raum und alles sichtbar. Ihr Kommentar dazu war: Ich wünschte bei mir wäre es auch so. Gerne hätte ich ihr noch mehr zu einer komplexen Traumatisierung und dem Preis der Funktionalität gesagt. Sie meinte es gewiss nicht böse, aber ich bin auch stolz darauf, dass ich mich mittlerweile so gut um mich kümmern kann und durch jahrelange Therapie gelernt habe mit Krisensituationen umzugehen ohne dass eine, oder mehrere Türen auffliegen und ich in einem suizidalen Zustand bin. Bei mir ist es anders. Ich finde man kann es einfach nicht miteinander vergleichen. MS würde ich ja auch nicht mit Krebs vergleichen und sagen, das andere hätte ich lieber. Beides beschissen. Ich kann auch nachvollziehen, dass ihre Emotionen sie überfordern. Hier sind aber gerade gar keine, es ist ein Überlebensmechanismus dieser Zustand. Es ist einfacher mit Emotionen und dem was sichtbar ist zu arbeiten, als mit Splittern und dem was man nicht sieht, dennoch das ganze Sein beeinflusst. Von den ganzen Traumafolgesymptomen mal ganz zu schweigen.

Nichtsdestotrotz ist die Stimmung und die Aussicht auf eine Änderung der Wohnsituation und auch das voran kommen in der Therapie positiv gestimmt. Es stehen neue Veränderungen an und mir ist bewusst geworden, dass ich mittlerweile entscheiden kann und ALLES machen was ich will. Keine psychisch kranken Eltern, Geschwister, Partner, Freunde, Mitbewohner mitziehen muss. Sondern dass ich mich einfach mal um mich kümmern und mich mit etwas anderem als Krankheit und Schmerz umgeben darf. Ein Haustier ist ja auch schon lange Zeit ein gehegter Wunsch. Ich bin gespannt, was noch alles kommt.

 

Täterverhalten, wo fängt es an?

Durch meine meine frühe Traumatisierung und Prägung fällt es mir immer noch schwer ein zu ordnen, was eine Grenzverletzung ist, was mich und meine Grenzen angeht. Wo das alles überhaupt anfängt. Denn verbale und emotionale Gewalt, habe ich zum Beispiel als normal angesehen. Wie kann jemand, der das als normal ansieht, dass es der Person selbst passiert, nicht selbst zum Täter werden? Ich glaube dass es häufig doch eine Entscheidung ist. Meine Schwester zum Beispiel wiederholt bei ihrem Sohn, das Bindungsmuster, das wir kennengelernt haben und ist täterloyal gegenüber meinen Eltern. Mir ist irgendwann aufgefallen, dass es bei uns anders ist, als bei anderen Familien und ich habe mir da geschworen, niemals so zu werden und gegebenfalls keine Kinder zu bekommen, falls ich es nicht komplett neu umlernen könnte. Als Teenager war ich selbst tätidentifiziert soweit ich weiß. Konnte keine funktionalen Beziehungen führen, da ich nicht wusste wie. Mühsam lerne ich seit Jahren meine Prägungen zu verstehen, richtig zu kommunizieren (denn das haben mir meine Eltern auch nie gezeigt und können es bis heute nicht) Augenkontakt zu halten, Beziehungen zu führen etc.

Vor einigen Tagen erzählte mir ein nahestehender Mann, der bisher keine für mich sichtbares Täterverhalten zeigte erzählt, dass er mal eine Frau heimlich beim Sex filmte. Das verstörte mich sehr, denn er schien nicht mal zu wissen, dass das ohne ihre Einwilligung eine Straftat ist. Ich fragte ihn warum er das getan hatte und er zuckte mit den Schultern und sagte „keine Ahnung, habe da nicht drüber nachgedacht und es einfach gemacht.“ Als ich ihn damit konfrontierte, dass es strafbar ist, sagte er „Wer kann denn beweisen, dass sie nicht vorher ihre Zustimmung gegeben hat?“ Das verstörte mich auf mehreren Ebenen. Das fehlende Schuldbewusstsein und die Fähigkeit zu Lügen, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich fragte mich, wer mir da eigentlich gegenüber sitzt und dass man es im Grunde eigentlich nie richtig weiß. Er sagte, um die Situation wieder auf zu lockern, dass es ja schon Jahre her wäre und er damals ein anderer Mensch war. Vielleicht, aber die Antworten, die er mir im Heute gab, war für mich dennoch alarmierend. Unweigerlich musste ich auch an den Täter denken, von dessen Macht ich mich gerade versuche in der Traumatherapie versuche zu befreien.

Wovor ich Sorge habe ist, dass ich Täterverhalten mir gegenüber wieder hinnehme. Meine Therapeutin hat es mit im Blick, so wie in der letzten dysfunktionalen Betziehung und half mir es zu beenden. Zurzeit schaue ich „american horror story“ Dort m. ein Psychiater eine Patientin, welche von ihm Schwanger wird. Mein Gehirn sagte daraufhin „oh sie ist schwanger, sie muss sofort zu ihm und ihm das erzählen, dann können sie sich gemeinsam auf das Kind vorbereiten.“ Die Frau allerdings versteckte sich vor ihm und war eher daran interessiert ihn für seine Taten büßen zu lassen. Ich erschrak sehr über meine eigenen Gedanken und es machte mir nochmal deutlich wie viel ich in Beziehungen ausgehalten habe und ein Teil meines Gehirns alles ausblendete und Friede, Freude, Eierkuchen mit der Person spielte. Selbst wenige Momente nach heftigen Wutausbrüchen, ließ ich die Person wieder an mich heran und „alles war gut“.

Meine Therapeutin sagt, ich soll nicht bei jedem Mann, den ich kennenlerne, einen Täter vermuten und sie ja auch noch da ist um das mit ein zu ordnen. Ja, was ist aber wenn nur die schönen Dinge erzählt werden, weil das Täterverhalten ausgeblendet wurde? Wie könnte ich es nicht vermuten, wenn doch mein Radar, was Gefahrensituationen angeht scheinbar defekt ist?

Ich möchte mich schützen, habe aber Angst, dass ich vieles nicht mitbekomme, weil es häufig so war.

Menschen overload

Also wenn es nach mir ginge, dann könnte man den Kontakt zu allen Menschen abbrechen. Mich überfordert es nur und ich verdrehe innerlich die Augen. Freue mich dann auf die Zeit wenn ich wieder für mich bin und die Aasgeier, die eh nur an ihrem eigenen Wohl interessiert sind, wieder davon geflogen ist. Dieses Spiel hier auf der Welt ist so ermüdend. Ich blicke hinter die Masken und was ich dort sehe und bisher gesehen habe ist wirklich hässlich. Es fällt mir zunehmend schwerer das aufrecht zu erhalten. Sozial zu sein. Es ist einfach so ermüdend. Ich bin nicht depressiv, ich will auch nicht sterben oder so, sondern einfach nur meine Ruhe und für mich sein.

Ying&Yang

Als ich dieses Lied hörte, berührte es irgendwo tief in mir drin etwas. Ein längst vergessenes Gefühl, eine Melodie im Inneren. Zerwühlt, laut, stark wie ein Strom. Unaufhörlich. Diese Melodie höre ich zurzeit nichts mehr in mir. Wenn man mich fragen würde, wie ich mich fühle, könnte ich nur sagen „müde“, denn ansonsten ist fehlt mir jeglicher Bezug zu meinem Innenleben. Diese verschüttete Welt wird dienstags für eine Stunde ausgegraben. Dort habe ich letztes Mal mir vertraute Anteile getroffen. Ein Teenager hinter einem Schutzwall. Davon existiert noch eine andere Form. Zurzeit nenne ich diese Teile Ying&Yang. Wie der helle und dunkle Zwilling, trotzdem untrennbar. Ergibt das Sinn? Es ist schwer in Worte zu fassen, was ich dort sehe. Bisher hatte ich aber nur mit dem Dunklen ich nenne ihn jetzt Beschützer eine Art Kontakt. Es fühlt sich an als würde ich mir vieles herbei fantasieren. Doch diese gewisse Vertrautheit kann ich nicht leugnen. Selbst wenn es ein ganz abgespaltener, tief vergrabener Teil meiner Selbst ist. Ebenso der rebellische Teenager vor dem Schutzwall an Traumaerinnerungen und Gefühlen. Selbst wenn ich mir das in meinem Kopf herbei fantasiere, was ich meist nach oder während der Traumatherapie sehe, ist es eine grandiose Leistung meines Gehirns mich vor dem Unaushaltbaren zu schützen. Wir kommen näher.

Muskelkater

Als meine Therapeutin mir abends am Tag der Traumatherapie schreibt, um zu fragen, wie es mir mittlerweile geht, kann ich dazu nur sagen, dass ich starke körperliche Schmerzen habe. Sie sagt daraufhin nur „Sie haben sicherlich Muskelkater von heute“. Als wäre es das natürlichste der Welt zur Therapie zu gehen und immer noch ein und das selbe Trauma durch zu wälzen und danach Muskelkater zu haben. Immer und immer wieder zu erleben körperlich, diesmal kam die Panik von damals, die im Körper gespeichert ist. Keine Ahnung wie es von außen aussah, aber mein Körper zuckte unkontrolliert und ich fühlte mich als hätte ich die Hauptrolle in ‚der Exorzist‘. Ich bin nicht gläubig, doch irgendwie ist es ja auch eine Art Teufelsaustreibung. Aber eine reale und die Teufel waren nichts dämonisches, abstraktes, sondern Menschen wie ich selbst einer bin. Nur fällt es mir immer noch sehr schwer zu glauben, wie viel Menschlichkeit in manchen Menschen überhaupt steckt, wenn ich so etwas wie gestern erfahre. Muskelkater von meiner Traumabearbeitung… Von Zucken, Panik, Schmerzen kam ich sofort wieder in einen anderen Modus und erinnere die ganz Sitzung auch eher wie einen Traum. Auf einmal redete ich glücklich von Katzenvideos, die ich zurzeit schaue. Das nenne ich mal ein funktionierender Bewältigungsmechanismus. Ich schaute bei allem zu und fand es nur noch surreal. Es ist immer wieder erstaunlich wie schnell sowas umschalten kann, aber das musste es früher wahrscheinlich auch. Das war keine Entscheidung.

Ich schlafe zurzeit viel und versuche etwas zu fühlen, auftauchen zu lassen was kommt. Im Grunde fühle ich mich aber leer und beschissen gleichzeitig. Getrennt von der Welt. Lebend irgendwo in der Vergangenheit und bekomme gerade keinen richtigen Zugang zu meiner Welt in der Gegenwart. Alles fühlt sich fremd an, vor allem ich selbst. Gefühle wie Trauer und Wut überfluten mich manchmal. Es ist ein sehr einsamer Kampf, den ich gerade führe.