Körptertherapie – Selbsthilfe

Nun sitze ich hier mit einer Heilerde Maske im Gesicht verteilt und wünschte, sie würde auch gleich mein ganzes Leben mit detoxen. Ich fühle mich heute als würde meine Haut nur aus müden Falten und Rissen bestehen. Die letzten Tage zehren an mir. So sehr, dass ich mich fühle als wäre ich rasant um Jahre gealtert. Ich hatte eine Erkenntnis.

Gestern war ich ich bei einem Kurs für Frauen, um die körperlichen Symptome nach sexualisierter Gewalt zu lindern. Nachdem ich seit drei Wochen nun diese starken Gliederschmerzen überall habe, meldete ich mich nun schließlich dort an. Der Kurs richtete sich an Frauen, die schon in therapeutischer Behandlung sind und es wagen wollen, den Körper  bei diesem Prozess mit ein zu beziehen. Den Flyer fand ich im Wartezimmer meiner Therapeutin und dort stand, dass sich vor allem diese Symptome zeigen würden:

  • Chronische Schmerzen und Entzündungen im Unterleib
  • Atembeschwerden, Schwindel, Übelkeit, Migräne
  • Hauterkrankungen
  • Verdauungsbeschwerden
  • Schlafstörungen
  • Essstörungen
  • Suchterkrankungen

So auf einen Haufen habe ich meine körperlichen Symptome selten gesehen und dachte mir ich riskier es mal. Falls zu viel ausgelöst werden sollte, könnte ich ja immer noch gehen. Meine Bezugsbegleiterin brachte mich glücklicherweise zu dem Termin. Ich hatte Vertrauen, denn ich kannte die Frau, die den Kurs leitete, schon von dem Beratungsgespräch zu Endometriose. (Den Beitrag darüber könnt ihr hier finden) Ich empfinde es immer als eine sehr angespannte Stimmung, wenn man zu Gruppen unter diesen Themen geht. Es ist quasi auch ein Outing. Hier bin ich, das ist mir auch passiert. Allein das reicht für mich schon als Trigger aus. Von der ersten Übung bekam ich nicht all zu viel mit den mein Magen rebellierte. Ich kämpfte gegen Übelkeit, plötzlichen Stuhldrang und Schwindel. Vom Schwitzen mal ganz abgesehen. Nach den Übungen konnten wir immer erzählen, wie es für Jede war. Nachdem ich meinen Zustand schilderte, durfte ich mir eine Decke nehmen und mir wurde auch eine Wärmflasche angeboten. Eine der Teilnehmerinnen verließ nach der ersten Übung die Gruppe. Das konnte ich nachvollziehen. Dennoch tat es mir irgendwie gut, dass dort alle Frauen Probleme hatten sich mit ihrem Körper zu befassen. Dadurch fühlte ich mich nicht wie ein Sonderfall, der wie sonst bei Körpertherapien in einer Ecke vor sich hin dissoziierte. Im Laufe der Zeit wurde es mit der Übelkeit besser und einige der Übungen scheinen wie auf mich abgestimmt zu sein… oder eben die Symptomatik. Zeitweise dissoziierte ich, machte dann wieder eine Pause und konnte an einigen Übungen teilnehmen. Für den Anfang macht mich das schon ziemlich stolz. Das wäre vor einigen Jahren undenkbar gewesen.

Jedenfalls, um noch mal zu meiner Erkenntnis zu kommen: Ich habe gestern diesen Kurs verlassen und fühlte mich wie ein löchriger Käse. zerbeult und zerdellt. Mir wurde klar, dass es totaler Irrsinn ist, so schnell wie möglich wieder mit der Schule zu beginnen. Mein Körper hat mir ganz deutlich meine Baustellen gezeigt. Ich möchte mir nun die Zeit nehmen, die es eben braucht, für den Therapieprozess.

Kostenübernahme Klinik

Hallo ihr Lieben, ich komme mal wieder mit dem Thema „Klinik“ um die Ecke. Meine Therapeutin ist nach wie vor der Meinung die Privatklinik, wäre bei meiner Symptomatik die beste. Aber dazu müsste ich erstmal einen Antrag auf Kosteübernahme bei der Krankenkasse stellen. In der Vergangenheit habe ich das wohl schon mal gemacht, kann mich aber nicht mehr erinnern wie. Kontaktiere ich vorher die Krankenkasse und frage, was die genau dafür brauchen, oder schicke ich das Schreiben erst dorthin, wenn alles fertig ist? Gibt es Formulare dafür? Hat jemand Erfahrung damit? Schreiben mit Begründung warum diese Klinik notwendig wäre, kann ich von meiner Traumatherapeutin und von meiner Neurologin bekommen.

I love you like an alcoholic

„Eigentlich ist es ja gut, dass ich während der Traumatherapie gerade keine Beziehung habe. Das würde alles noch komplizierter machen.“

„Ja und vor allem nicht so einen wie ihren Exfreund.“ erwidert meine Therapeutin. Ich denke nur: Was meint sie? Die Kunst des Verdrängens. Meine Therapeutin jedoch vergisst nicht. In meinem Kopf wird das Raubtier, das mich fressen wollte, zur Schmusekatze. Sie sagt außerdem, dass ich reinszeniere. Dass beide meiner Eltern auch narzisstische Tendenzen zeigen. Genauso wie ein Täter aus der Vergangenheit. Durch den emotionalen Mangel, bin ich noch anfälliger für Narzissten, die mir am Anfang das Gefühl geben, angekommen zu sein. Als wüssten sie genau was ich brauche. Spielen mir all das vor, bis es in einem Albtraum endet. Es ist so verrückt das zu sagen, aber ich sehne mich oft dahin zurück. Nicht zu dem Albtraum, sondern zu dem Anfang. Von dem was ich dachte, dass es Liebe ist. Ich bekomme von Innen häufig Bilder oder Abwertungen über die betreffenden Personen und wie man nur so dumm sein kann, immer wieder darauf rein zu fallen. Ich brauche einfach Hilfe dabei das zu sehen. Ich kann es oft nicht.

One last kiss
I love you like an alcoholic
One last kiss
I love you like a statuette
One last kiss
I need you like I need a broken leg

In einer anderen Dimension

Gestern sah ich die Serie „The OA“, in der Menschen in andere Dimensionen reisen. Dort ist die Vorstellung, dass neben der einen Realität auch noch Andere existieren, die Realität. Die Frau war in dem einen Leben Waisenkind, blind und wurde später gefangen gehalten. In der anderen Dimension konnte sie sehen und ihr Vater starb nicht. Das veranlasste mich dazu, mir auszumalen, wie wohl das Leben in einer anderen Dimension für mich wäre. Eine neue Fluchtmöglichkeit für meinen Tagträumergeist. Ich sah eine Frau, die mehr wog als ich, keine blasse, dünne Haut hatte, bei der man die Adern durchschimmern sah, sondern eine dickere Haut, gebräuntere Haut. Die Augen lachten. Sie lachte. Wich keinen Blicken mehr aus, in der Angst die Menschen könnten den Schmerz in ihren Augen erkennen. Sie war offen. Sie konnte so unbeschwert auf Kontakte zugehen, denn ihre Psyche und auch ihr Körper waren ungebrochen. Es war nicht alles perfekt in ihrer Welt, auch sie hatte Enttäuschungen erfahren, doch keine, die ihren Glauben an die Menschheit und an sich selbst erschütterten. Sie hatte einen Freundeskreis, ging abends tanzen und am Wochenende in die Bibliothek, um für ihr Studium zu lernen. Der größte Unterschied zwischen ihr und mir war wohl, dass ihre Eltern ihr Liebe zeigen konnten. So sah sie die Welt auch mit Liebe, mit dem was sie kannte. Konnte Liebe nehmen und geben.

Nur heute reise ich in meinem Kopf in eine andere Dimension. Die Frage, was wäre wenn bringt nichts, so sagen mir alle. Doch das hier ist mein Kopf, meine Welt und wenn ich dort heute in Dimensionen reisen möchte, in denen mir all das Leid, das ich in dieser Welt erfahren habe, nicht passiert ist, dann nehme ich gerne diesen Notausgang. Es hilft mir den Schmerz von heute zu ertragen, der in jedem meiner Gliedmaßen steckt. „Die Körperzellen erinnern sich“, wurde mir vor einigen Tagen gesagt. Nicht nur der Kopf katapultiert Erinnerungen in meine Realität, auch der Körper schreit mit jeder Nervenzelle auf. Das ist meine Welt. Meine Dimension. Mein Gestern und mein Heute. Das kann ich nicht ändern, nicht ungeschehen machen. Ich kann lernen damit zu leben. Und heute, da springe ich gedanklich in andere Dimensionen, um diesen Schmerz darüber zu ertragen.

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©mondmädchen

 

Das Projekt

Nachdem ich ausgiebig betrauerte, was ich gerade durch den Therapieprozess und durch meine Einschränkungen nicht in der Lage bin zu tun, habe ich mich nun den Dingen gewidmet, die Möglich sind. Auf die Idee brachte mich meine beste Freundin. Sie weiß, dass ich jahrelang schon Hefte voll schrieb. Es ist, so wie auch hier im Blog, ein Ausdrucksmittel unterschiedlichen Erlebens, von überwältigenden Gedanken, oder Emotionen. Eine Art Weinen ohne Tränen. Sie fragte mich, ob ich einige Texte heraus suchen möchte, zu denen sie dann etwas illustriert. Sie macht viele künstlerische Projekte und dass sie meins unterstützen wollte, ja mich sogar dazu anregte, bedeutete mir viel. Etwas, dem ich mich zwischen den Therapien widmen kann, das mich auf kognitiv fordert. Am Ende halte ich dann etwas in den Händen, dass nur mir gehört. Was aus meinem Innersten all die Jahre kam. Ob ich das dann mit Jemandem teilen möchte weiß ich noch nicht. Denn was alleine das „darüber nachdenken“ auslöste, überraschte mir sehr.

„Du schaffst das eh nicht. Brauchst du gar nicht versuchen. Du bist nicht gut genug. Viel zu dumm, um zu schreiben. Peinlich auch nur darüber nachzudenken, es zu versuchen. Andere sind sowieso so viel besser.“

Jaja, immer wieder die gleiche Schallplatte. Das ignorierte ich gepflegt, kramte aus der Kiste unter meinem Bett, all meine Schreibhefte und Tagebücher hervor, nahm sie mit in ein Café und sah sie durch. Einige interessante Entdeckungen machte ich dort. Dinge, mit denen ich mich zum Beispiel 2014 schon beschäftigte, klar benennen konnte, ohne zu wissen, was ich da gerade aufgeschrieben hatte. Zurzeit leugne ich ja vieles wieder. Diese Seiten werde ich Dienstag mit zur Therapie nehmen. Ich freue mich darauf kreativ zu sein und mir etwas vor zu nehmen, das ich gerne mache und am Ende in den Händen halten kann. Das tröstet mich ein wenig über den Zustand hinweg, beruflich nicht weiter zu kommen.

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©mondmädchen

 

„Man sieht es dir nicht an“

„Man sieht/merkt es dir nicht an.“ ist einer der Sätze mit denen ich häufiger konfrontiert werde, wenn ich Hilfe suche und es mir massiv schlecht geht. Als dürften Menschen, die psychisch krank sind, nicht modisch gekleidet und mit einem Lächeln oder starrem Blick als Schutz auftreten. Die Menschen haben Schwierigkeiten damit umzugehen wenn ich erzähle wie es gerade Innen aussieht, mit dem was sie außen sehen, in Verbindung zu bringen. Was bei mir natürlich auslöst, dass mir nicht geglaubt wird, dass es mir schlecht geht. Ich anfange, mich zu rechtfertigen. Zu erklären warum ich vor Anderen nicht weinen kann. Dass ich gefangen im Funktionsmodus bin und oft nicht anders kann, auch wenn ich innerlich schon schreie und weine. Äußerlich zucke ich nicht mal mit der Wimper. Ich habe es nicht gelernt meine Emotionen vor Menschen zu zeigen. Auf einmal sind sie quasi „erwünscht“ und ich fühle mich wieder schuldig. Dann wenn andere Zustände so wie in der Skillsgruppe angetriggert werden und kaum noch gehen können, in eine Ecke kriechen und komische Laute von sich geben, ist das dann auch wieder zu bizarr und verstörend und muss erstmal thematisiert werden, weil ich ja „sonst nicht so bin und das so plötzlich kam“. In der Gesellschaft habe ich das Gefühl durch meine Einschränkungen aus dem Raster zu fallen und selbst in einem Frauen-Krisendienst scheine ich nicht „abgemagert genug zu sein“ damit es mir schlecht geht, oder nicht schlecht genug „weil ich ja noch Freunde habe und viele Frauen hier hätten keine“.  Das hilft mir nicht. Gestern suchte ich Hilfe und fand nur noch mehr Verunsicherung. Der Satz „man sieht dir nicht an, wie schlecht es dir geht.“ Trifft jedes mal. Hallt in mir nach.

Helfermenschen: Bitte nehmt auch Menschen ernst, die äußerlich sortiert, eloquent und auf den ersten Blick „gesund“ wirken, ernst. Psychische Krankheiten sieht man jemandem nicht sofort an. Das heißt nicht, dass der Mensch nicht erkrankt ist. Es gibt Gründe dafür, warum der Mensch mit dieser perfekten Fassade herum läuft und häufig darunter leidet. Es ist aber auch ein Schutz in dieser Welt, wenn einem das nicht sofort angesehen wird. So bin ich durch’s Leben gekommen. Das heißt nicht, dass ich weniger ernst genommen werden sollte, wenn ich sage, dass es mir schlecht geht. Was in meinem Kopf ist, was ich fühle, kann nur ich wissen und kommunizieren. Bitte nehmt mich ernst, Auch wenn ich nicht laut weine, oder gerade keine offenen Wunden auf der Haut trage. Die Wunden sind innerlich.

Die mir nahen Menschen in meinem Umfeld und auch meinte Therapeutin erfragen, wie es mir geht, ohne es vorher selbst für mich zu bestimmen, oder eine Vermutung anzustellen. Meine Therapeutin sagt, sie sieht es mir trotzdem an meinen Blicken an. Selbst wenn das nur kleine, feine Nuancen sind. Sie weiß um den Funktionsmodus und nimmt mich trotzdem immer sehr ernst. Weiß, dass Innen noch viel mehr ist, als  äußerlich sichtbar.

Der Termin steht fest

Gestern war ein sehr schwieriger Tag. Drei Termine hintereinander. Ein triggernder Behördentermin, mit dem ekeligen Sachbearbeiter, Therapie und Treffen und Einkaufen mit meiner Bezugsbegleiterin. Irgendwann war ich hochdissoziativ und als ich nach Hause kam musste ich sofort schlafen. Systemausfall. Nichts ging mehr. Was untypisch ist, weil ich mich sonst krampfhaft wach halte, egal wie müde ich bin.

Als ich aufwachte, sah ich, dass ich eine E-Mail von der EHS-Beantragung hatte. Also für den Spendenfond, mit dem im Notfall meine weitere Traumatherpie finanziert werden soll, wenn die Krankenkasse irgendwann nicht mehr zahlen sollte. Der Spendenfond ist für Menschen, die im Kindes/Jugendalter sexualisierte Gewalt erfahren hat. Jedes Telefonat. Jeder E-Mail Kontakt, jedes Gespräch darüber ist so unfassbar triggernd, sodass ich sogar in den Therapiestunden dissoziiere. Was sonst kaum vorkommt. Ich will nicht lügen, es ist massiv. Ich werde mit Erinnerungen überflutet in allen möglichen Situationen. Mir ist ständig übel. Ich habe Angst bei diesem Termin keine Erinnerungen zu haben und alles zu leugnen. Für diesen Fall möchte ich mit meiner Therapeutin vorher besprechen und aufschreiben, was unser gemeinsamer Wissensstand ist. Dazu dann der Diagnostikbericht, in dem dieses Thema relativ detailliert beschrieben wurde. Woran ich auch nur teilweilse Erinnerungen habe. Es ist als würde ich von einem Leben lesen, das nicht mir gehört. Nicht mir gehören darf. Denn das wäre ziemlich abgefuckte Scheiße.

Als ich den Termin bestätigte fing sich alles an zu drehen und in meinem Kopf war nur „LÜGE LÜGE LÜGE. DAS IST ALLES NICHT WAHR DAS DENKST DU DIR BLOß AUS!“ Wie soll man etwas beantragen, von dem man zeitweilig denkt, dass man es sich bloß einbildet? Wenn der Antrag genehmigt wird ist es quasi nochmal eine Bestätigung, dass das so ist. Wenn der Antrag abgelehnt wird, stehe ich vielleicht irgendwann ohne Therapie da. So oder so, ist das gerade alles ziemlich beschissen. Meine Therapeutin versuchte mich zu beruhigen, indem sie sagte, dass wir auch selbst wenn es abgelehnt wird Lösungen finden und mehrmals Widerspruch bei der Krankenkasse einlegen können. Noch ist es ja auch noch nicht so weit und die nächste Therapieverlängerung steht an. Doch was mir bewusst wird ist, dass ich noch wesentlich mehr Therapie brauche. Langfristig gesehen.