Über die Schwierigkeit eine passende Klinik zu finden

Es sieht ganz danach aus als müsste ich mir für die Trauma-Bearbeitung eine andere Klinik suchen. Der erste Eindruck hat sich bestätigt: Es gibt keinen Platz neben dem Programm für Individualität. Die Kenntnisse des Personals Trauma betreffend ist nicht ausreichend.

Eine Situation der vergangenen Woche brachte diesen Gedanken ins Rollen. In der Oberarzt Visite wurde ich darauf hingewiesen, zukünftig kein Kuscheltier als Skill mit in die Gruppen bringen zu dürfen. Da es gesellschaftlich nicht akzeptabel ist und ich ja auch zu keinem Bewerbungsgespräch ein Kuscheltier mitbringen könnte. Außerdem hätte das zu Folge gehabt dass andere Patienten auch ihr Kuscheltier mitgebracht hätten.

Die Tränen liefen und liefen. Extremes Weinen. Es löste so unwahrscheinlich viel aus. Mit meiner ambulanten Therapeutin habe ich Skills für andere Anteile erarbeitet. So kann ich zum Beispiel in Gruppen mich beteiligen und agieren, ohne dass die Situation kippt, weil Innen zu viel los ist. In der Vergangenheit hieß das einfrieren des Körpers, Intrusionen, Panikattacken. Zustände, die ich nicht verstand. Zu denen ich keinen Bezug herstellen konnte. Die Anwesenheit des Kuscheltiers beruhigte das, was Innen los war. Gab einen taktilen Reiz durch das flauschige Fell. Stattdessen wurde mir wieder Anti Psychotica angeboten.

Natürlich weiß ich, in welchen Situationen ein Kuscheltier angemessen ist und wann nicht. Ich sehe es auch nicht als Zeichen von Regression. Denn ich bin eher überangepasst und unauffällig. Mein näheres Umfeld weiß über Kuscheltiere und Höhlen Bescheid und da werde ich so angenommen. Ich stehe auch nicht kurz vor einem Bewerbungsgespräch, sondern kurz vor der Traumatherapie. Ich würde mir wünschen, dass meine Komplexität gesehen wird. Individuell auf mich und meine Symptomatik eingegangen wird. Ich dort abgeholt werde, wo ich gerade in der Entwicklung stehe. (Was mitunter auch sehr verschieden sein kann)

Feiertage

bedeuten für manche Menschen keinen Grund zum Feiern. Tage wie „das Fest der Liebe“ werden zu Tagen der Erinnerungen und des Schmerzes. Daran, was man niemals hatte. An dysfunktionale Familiensituationen. Lieblos, voller tramautischer Erinnerungen oder in meinem Fall „zu funktioneren“. Als Kind fand ich Weihnachten schön, soweit ich das erinnere. Als Teenager musste ich an diesem Tag so tun als wären wir eine große glückliche Familie. Meine Mutter hatte alles durchgeplant. Die Maske bröckelte immer mehr, denn ich brach aus, war suizidal und schwer depressiv. Meine Mutter sagte mir ich müsste auch nicht kommen, denn ich würde mit meiner Stimmung nur alle runter ziehen. Irgendwann kam ich gar nicht mehr. Die Tage verbrachte ich weinend, in Alkohol getränkt um zu vergessen im Bett. Diese Tage sollten einfach nur vorüber gehen.

Seit drei Jahren, seit ich aus meiner Geburtsstadt weggezogen bin, feiere ich Weihnachten auf meine Weise. Dieses Jahr mit der Familie meiner besten Freundin, wie letztes Jahr. Sie wissen, dass diese Tage für mich sehr schwierig sind und geben mir den Raum mich zurück ziehen zu können, wenn es zu viel wird. Die Tage sind durchgeplant. Doch letzte Woche kam etwas, das nicht geplant war – ein Paket meiner Eltern. Meine beste Freundin machte es auf und nahm die potentiellen Trigger heraus. Steckte sie in einen Umschlag und guckte mir die Karten zusammen mit einem Therapeuten an. Den anderen Trigger in Form eines Kunst Gegenstands, der in meinem Elternhaus stand, ließ ich in dem Umschlag. Zwei Tage danach ging es mir nicht gut, aber es war auch kein unaushaltbares Tief, wie die Weihnachtstage zuvor. Ich lerne besser für mich zu sorgen. Dinge im Hier und Jetzt anders zu machen. Ich will nicht lügen, diese Tage sind trotzdem hart und innerlich ist viel Schmerz.

An alle Menschen, für die diese Tage auch so schwierig sind: Ich verstehe. Ihr seid nicht allein damit. Diese Tage gehen vorbei. Es kann besser werden.

Du darfst nicht weinen. Du darfst nicht zeigen, dass es dir schlecht geht.

Glaubenssätze.

Woher sie genau kommen ist schwer zu sagen. Doch in der Gegenwart tauchen diese verfestigten Annahmen immer wieder und sehr plötzlich aus dem Nichts auf.

Meine Mutter erzählte früher auf Feiern gerne die Anekdote von mir, dass ich als ungefähr Dreijährige hin fiel. Sofort auf stand und versuchte ganz tapfer zu sein. Ich sagte „Hat ja gar nicht weh getan. “ doch dann konnte ich es nicht mehr halten und sagte „aber weinen muss ich trotzdem „. Noch heute habe ich die Stimme meiner Mutter im Ohr wie sie mich in der Situation nach machte und alle Zuhörer lachten.

Nun sitze ich auf meinem Bett in der Klinik und habe innerliche Schmerzen und versuche nicht zu weinen. Tapfer zu sein. Bloß nicht zeigen, dass es mir schlecht geht um meine Mitbewohnerin nicht zu belasten.

In meinem Kopf tauchen wieder diese Glaubenssätze auf.

„niemand will mit deinen Gefühlen belastet werden. “ „reiß dich zusammen, oder gehe irgendwo hin, wo es keinen stört. “ „Du immer mit deiner Überdramatik… Das sensible Kind. “ „Egal was man sagt, du nimmst es ja schon als Angriff auf. “

Ich frage mich warum das dreijährige Ich so sehr versuchte stark zu sein. Durfte sie keine Gefühle zeigen? Wurde sie nicht getröstet? Wurden ihr ihre Gefühle abgesprochen. Im mir schreit es laut ja.

Meine Mitbewohnerin sitzt auf ihrem Bett. Ich drehe mich zu ihr und sage „Ich hoffe, ich belaste dich nicht damit, dass es mir gerade so schlecht geht. Ich fühle mich sehr schuldig. Früher war es nicht erwünscht dass ich zeige, dass es mir schlecht geht. “

Meine Mitbewohnerin schaut mir in die Augen und erwidert „Ich kann gut damit umgehen, weil du so ehrlich bist. Und ich wollte dir ein bisschen Ruhe lassen damit du dich um dich kümmern kannst. “

Wir treffen die Vereinbarung, dass jeder seine Gefühle zeigen darf und wir uns aber auch von dem Anderen abgrenzen, wenn es uns so schlecht geht und uns um uns selbst kümmern. Jeder ist für sich verantwortlich. Alles darf da sein. Sie lächelt mich an und fragt, ob wir heute noch etwas schönes unternehmen wollen.

Wiegen – Körperschemata Störung

Seit einer Woche habe ich mich nicht wiegen können. Das Wiegen am Mittwoch habe ich verpasst. Ein Kontrollverlust. Meinem Gefühl nach habe ich alleine dadurch schon drei kg zugenommen. Jedenfalls sagt das mein Verstand. Obwohl ich denke, dass ‚Verstand‘ da nicht das passende Wort ist. Eher der Unverstand. Das macht es mir gerade wahnsinnig schwer in diesem Körper zu leben.

Oberarzt Visite

„Sie werden als massiv schwankend im Denken und Handeln erlebt und wir hinterfragen nun Ihre Therapiemotivation. Mal sind Sie hochfunktional, dann wiederum scheinen Sie gar keine Skills anwenden zu wollen und beteiligen sich nicht. “

Ach was… Das ist doch genau das was ich die ganze Zeit schon versuche zu erklären. Das hat aber nichts mit meiner Motivation zu tun. Denken, Handeln und Erleben unterscheidet sich. Überraschung! Ich weiß nicht ob ich lachen oder vor Wut weinen soll. Zehn Ärzte und Pfleger starren mich an und wollen wissen was mit meiner Motivation ist.

„als erstes wollten sie das Medikament gegen Albträume haben und seit einer Woche nehmen sie es nicht aber haben auch ihrem Arzt nicht gesagt, dass sie das nicht mehr nehmen wollen.“

Ich hab das schon mitbekommen und die Entscheidung aber Andere treffen lassen. Denn der Arzt wollte letzte Woche Anti Psychotica gegen“ die Stimmen im Kopf“ verschreiben. Was nichts bringt, weil sie dissoziativ sind. Das hat enorm viel Innen ausgelöst und ein „ruhig stellen wollen“ hat viele alte Sachen hoch geholt. Die generelle Medikamentenvermeidung und Misstrauen kann ich durchaus verstehen, ja unterstütze das sogar. Was am Ende bleibt ist der freie Wille und das scheint gerade wichtig. Nein sagen zu können.

Ich bin so wütend und fühle mich unverstanden. Gestern ging es von dem einen Zustand aus verstecken, Panik, weinen (kindliches Erleben?) durch Trigger in einer Gruppe und nicht alleine aus dem Zustand kommen in den Funktionsmodus. Keiner der Pfleger und Therapeuten dachten ich wäre so schnell wieder bereit um in einem Co-Therapiegespräch um mitzuarbeiten. Kuscheltiere im Schlepptau für den kindlichen Anteil, damit es nicht erneut kippte. Ich allerdings super klar, motiviert und kognitiv dabei. DAS IST GENAU WAS ICH DOCH SCHON DIE GANZE ZEIT SAGE. Und jetzt wundern die sich über mein wechselhaftes Verhalten? Echt jetzt?

Nachtrag: Ein Pfleger fragt mich auf dem Flur, ob ich stolz auf mich wäre. Ich:“Nein, ich bin eher verflucht wütend über dieses Unverständnis und dann wird auch noch meine Motivation angezweifelt.“

Der Pfleger schaut mich beeindruckt an und sagt:“Doch es ist angekommen durch ihre eindrucksvollen Darlegungen und zwar angekommen in epischer Weise.“

Gut. Nicht minder wollte ich bezwecken. Episch klingt ganz angemessen. Und wenn wenigstens einer von zehn das jetzt gerallt hat.

Kindliche Anteile beruhigen

Seit wir nun hier sind werden Kanäle geöffnet, für die ich nicht bereit bin. Gefühle, die mich so überfordern und die mit meinem erwachsenen Erleben im Hier und Jetzt nichts zu tun haben. Morgens ist das am schlimmsten. Ich fühle diese Gefühle aber kann sie nicht zu ordnen. Sehe das Bild der Kleinen, fühle sie und das macht mich gerade so hilflos. Sie ist weinerlich und will zu Mama. Ich versuche mit Trinkpäckchen und Kuscheltieren zu helfen. Aber nichts tröstet sie über den Verlust hinweg, das Mama nicht da ist. „Diese Fotze spielt auch keine Rolle mehr und kann sich verpissen“ ist gerade eine andere Meinung dazu. Sie versteht aber nicht warum Mama sie nicht lieb hat. Diese Gefühle sind so voller Schmerz, dass es mir fast den Atem raubt. Ich bin jedenfalls da und werde auch nie weggehen. Und auch der Beschützer nicht, der die Mutter immer „Fotze“ nennt. Ich möchte mehr hinschauen und lernen besser damit umzugehen. Wir hatten seit dem Beziehungsverlust so wenig Kontakt. Jedenfalls spüre ich sie heute, als läge sie direkt in meiner Brust.

5 Tage Klinik

Heute morgen prasselte mir das warme Wasser der Dusche ins Gesicht. Schlagartig wurde mir schwindelig. So plötzlich, dass ich wusste, jetzt muss ich schnell raus. Tunnelblick. Ich schaffte es noch die Tür auf zu machen und meine Mitbewohnerin zu rufen. Zusammen gesackt auf dem Badezimmerboden. Meinen Körper konnte ich noch bedecken, bevor der Pfleger rein kam. Blutdruck okay. Puls okay. Ich – alles andere als okay. Dieser Schwindel begleitete mich den ganzen Morgen, trotz ausreichender Flüssigkeit. Ich ließ erneut meinen Blutdruck messen. Das Ergebnis: Unauffällig.

Daraufhin folgte ein längeres Gespräch mit dem Pfleger, der mir morgens half. Ich fragte, ob ich mir das vielleicht bloß einbildete. Er, der auch das Aufnahmegespräch der Pflege mit mir geführt hatte und über die stark dissoziativen Zustände Bescheid wusste zog eher das in Erwägung: Dissoziation.

Innerlich stöhnte ich auf. Nicht mal Duschen klappt jetzt ohne dass unbewusst irgendwas anderes abläuft. Ja, die letzten Tage waren massiv. Ein kindliches Erleben war an einem Morgen auch schon so aufgelöst und ich weiß immer noch nicht, was da los war. Die Station wird so zum Minenfeld der Trigger. Hier gibt es auch viele aggressive Patienten. Vielleicht spielt das eine Rolle. Ich kann nur spekulieren.

Der Pfleger erklärte dann noch wie die Trauma Bearbeitung nach der Stabilisierung aussehen würde. (Ich hab keinen blassen Schimmer wie noch genau.) Innen wurde es laut, dass die es nicht wagen sollen mich in Sachen zurück katapultieren zu wollen. Ich bekam nicht mehr viel mit und nickte nur noch vor mich hin, als würde ich verstehen.

Der Pfleger sagte später er hätte blankes Entsetzen in meinem Gesicht gesehen, darüber wie die Trauma Bearbeitung aussehen soll. Das waren allerdings nicht meine Emotionen.

Musik war schon immer eine Art Gefühle auszudrücken, die nicht gezeigt werden konnten. Durch die Stimme und Worte Anderer. Auch heute noch spielt Musik im Alltag eine große Rolle. Es ist auch eine Art Kommunikationsmittel im Innen. Eine Ausdrucksweise. Zu diesem Lied gab es verschiedene Gedanken:

„Mama“

„Wie es sich anfühlt in diesem System.“

„Leben mit durch Menschen verursachte Traumata.“

„Überlebenskampf.“