Gelbe Augen

Nachdem ich das Telefonat beende komme ich langsam in die Realität zurück. Mein Partner Kniet sich vor den in der Sonne stehenden Liegestuhl und fasst meinen komplett ausgekühlten Köper an. Überrascht ruft er: „Deine Augenfarbe hat sich verändert, die sind jetzt leuchtend gelb und kaum noch grün!“

Irgendwie überrascht mich das gerade gar nicht mehr.

„Diesmal hat dein Vater ja mal gefragt wie es dir geht oder? Jedenfalls hast du mehr erzählt.“

Wie soll man jemandem, der nicht weiß, wie es ist, das erklären? Es ist als hätte ich mir als Kind antrainiert zu antworten und dabei meine Gefühle auszuschalten. Ich kann mich nicht mal mehr darüber freuen wenn nachgefragt wird, denn ich weiß nie was ich bei einem Gespräch erwarten kann. Das letzte Telefonat war fies. Danach zwei Monate stille… und jetzt soll ich mich freuen? Ich habe aufgehört zu hoffen.

Trotzdem klammert sich jemand noch an diesen kleinen Finger und möchte den Kontakt, den ich gerade so sehr brauche wie eine Pestbeule auf der Stirn, nicht abreißen lassen.

Mein Partner nimmt mich auf den Arm und schaukelt mich eine weile. Eine Welle aus Gefühlen schwappt in meinem Inneren. Er schaut mir noch einmal in die Augen und stellt nochmals überrascht fest, dass sie nun von gelb wieder zu grün wechseln.

 

Geräusche der Nacht

Durch fremde Geräusche, die durch meine Zimmerwand dringen, werde ich in der Nacht wach. Ein Bett knarrt, eine Frau stöhnt. Diese Frau ist meine beste Freundin. Unsere Betten stehen Wand an Wand. Mein sicherer Ort verschwimmt vor meinen Augen. Ich öffne meine Bettschublade und taste nach den Oropax. Es ist zu spät, die Parallelwelt wurde betreten. Panik kriecht mir die Kehle herauf. In meinem Kopf höre ich „Diese Nutte, Hure, soll die fresse halten“. Diese Geräusche sind in mein Bewusstsein gekrochen und führen zu einem Systemausfall. „Es ist alles okay, sie macht das freiweillig und diese Geräusche auch“. „Ich will hier weg, ich muss raus rennen“ „Es ist okay, sie macht das freiwillig und die Geräusche auch“ „NUTTE HURE!!!“

Meine Kissen schleudere ich an das andere Ende des Zimmer und lege die Matratze ans Fenster. Wie spät ist es? Sind wirklich schon zwei Stunden vergangen, seit ich hier kauere? Tränen rollen über die Wangen. Die klaffende Wunde meines Inneren wurde geöffnet. Nur verstehe ich meine Reaktion nicht.

Werde ich langsam verrückt?

Die Angst vor der Traumabearbeitung

12 Wochen Klinik sollen es erstmal werden. Und ich habe Angst. Wovor? Vor dem was hochkommt. Davor, dass dies nur ein anstrengender Zwischenschritt ist und die eigentliche Arbeit danach kommt. Der kommende Klinikaufenthalt dient erstmal zur Stabilisierung, damit wir in der Therapie danach eventuell mit der Traumabearbeitung anfangen können. Während ich das schreibe verkrampft sich mein Magen. Ein Teil von mir möchte sich nicht mit den Traumata beschäftigen. „So schlimm war es nun auch auch nicht. 3 Monate Klinik brauche ich nicht… “ Vermeidung, Panik, Ohnmacht.

Der Schrank in denen die Traumata eingesperrt sind quillt schon fast über. Die Tür sieht auch schon aus als würde sie gleich platzen. Eigentlich sollte das ganze ja in einen Tresor und nicht in einen Schrank, mist… Nur irgendwie wollen meine Bilder nie in diesen verdammten inneren Tresor. Auch nicht wenn ich sie in einen Rahmen packe und dann da reinstopfen will. Therapeuten stellen sich das in der Theorie immer so schön einfach vor.

Was, wenn mich der ganze Berg einfach überrollt, wenn die Tür einmal auf ist? Ist meine Therapeutin qualifiziert genug, mich nicht darin ertrinken zu lassen? Vertrauen ist so schwer.

 

Als das erste Mal das Thema“dissoziative Störung“im Raum stand

Vor genau einem Jahr war ich zu dieser Zeit in einer psychosomatischen Klinik. Mein Zustand war extrem krisenhaft. Verhaltensweisen wie Selbstverletzungen, sowie Suizidalität kamen wieder auf. Nach einigen Wochen sprach mein derzeitiger Bezugstherapeut ein Thema an, das mich extrem wütend machte. Das ist einer der Momente, an die ich jetzt viel zurück denke. Der Therapeut versuchte mir auf sanfte Art zu erklären, dass es unterschiedliche dissoziative Störungen gibt und bei mir der Verdacht darauf bestehen würde. Ich war empört! Was ICH? Das wüsste ich ja wohl. Ich wurde schrecklich wütend und sagte ihm, dass ich zwar über Anteile geredet habe, die ich wahrnehme, aber das sei was gaaaanz anderes. Was, wusste ich auch nicht. Damit war das Thema für mich erstmal erledigt und ich wollte auch nicht mehr darüber sprechen. In meinem Tagebuch setzte ich mich trotzdem damit auseinander, ohne es zu wissen.

In dieser Klinik fand ich eine gute Freundin.Wir verbrachten sehr viel Zeit zusammen und sie sagte mir irgendwann, dass sie oft von meinem Verhalten überrascht wäre, da ich im einen Moment nicht sprechen kann, oder zusammenbreche und dann nach wenigen Minuten grinsend und scherzend herumlaufe, als wäre nichts gewesen. Sie würde jetzt immer schon an meinem Blick erkennen, wann ich dissoziiere. Wenn ich jetzt daran denke, bin ich sehr dankbar, dass so vieles gesehen wurde, doch wurde im Team auch ein schwerer Fehler gemacht, wodurch ich mich noch mehr für das Thema sperrte.

Ich wurde auch wegen der Essstörung in einer Sondergruppe behandelt und eines Tages kam es dazu, dass sich ein Patient in ein Waschbecken, in einem der Badezimmer bei den Therapieräumen erbrach und es nicht wegmachte. Mir fiel sofort auf, dass irgendwas meinen Therapeuten beschäftigte und ich wollte wissen was los war. Er erzählte mir von dem Vorfall und dass im Team angenommen wurde, dass ich das war. Dass meine Anteile vielleicht so weit abgespalten sind, dass wir das nicht gemerkt haben und diese Aktion ein Hilfeschrei war. Erbrechen war nie eines meiner Störungsbilder und ich bin ziemlich ausgerastet, bei dieser Unterstellung. Ich habe mich danach mit Bulimikern aus der Essstörungsgruppe darüber unterhalten und wir waren uns einig darüber, dass vermutlich jeder mit diesem Verhalten danach alles putzen würde. „Die spuren verwischen“.

Da habe ich das erste Mal erlebt, dass mir im psychologischen Kontext nicht geglaubt wurde. Das war eine schreckliche Erfahrung. Es ist schon einiges bei mir abgespalten und ich hab oft keinen Zugriff mehr auf Erinnerungen, oder weiß nicht mehr was ich in dem Gespräch vor einigen Minuten gesagt habe. Von extremen Situationen aus der Gegenwart, sind aber in der Regel immer Bilder abrufbar, oder es gab innere Beobachter während jemand etwas macht. Dachte ich jedenfalls… oder weiß ich doch nicht alles? Ich wurde damit richtig verrückt gemacht.

Dass mir nicht geglaubt wurde, hat es mir bei meiner neuen Therapeutin zu Hause enorm schwer gemacht mich auf das Thema überhaupt wieder einzulassen. Für mich ist das wichtigste, egal welche Symptome jemand zeigt, dass der Mensch in erster Linie das Gefühl bekommt ernst genommen zu werden. Denn meine Wahrnehmung wurde so lange als falsch abgestempelt und meine Gefühle und Worte wurden nicht ernst genommen. Erst langsam kann ich mich von meinen unrealistischen Vorstellungen aus Büchern und Filmen über dissoziative Störungen lösen. Ich erkenne mich in den Blogs anderer Betroffener wieder und dann ist es auch wieder ganz anders bei mir. Individuell, so wie meine Geschichte. Mittlerweile kann ich anerkennen, dass vieles aus einem Grund abgespalten und aufgeteilt ist. Es ist bunt, wirr, laut, vielfältig in meinem Kopf. Das nehme ich jetzt wahr. Was das alles genau heißt, das weiß ich noch nicht. Das muss ich vielleicht auch noch gar nicht. Zurzeit ist es nur wichtig, dass ich meiner eigenen Wahrnehmung wieder vertrauen kann.

Wurzeln und Flügel

Im letzten Jahr schickte mir mein Vater, anstatt einer Karte, ein Zitat per Mail zu meinem Geburtstag.

Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel. J.W. von Goethe.

Keine Wurzeln, die mir den Halt geben fest auf beiden Füßen zu stehen. Wenn ein Sturm aufkommt werde ich davon geweht, wie ein Blatt im Wind, das zu früh vom Baum gerissen wurde. Die Flügel gebrochen, noch bevor ich sie zum Fliegen ausstrecken konnte. Notdürftig selbst zusammengeflickt und trotzdem immer wieder versucht zu fliegen. Mit gebrochenen Flügeln zu fliegen, gibt einem keine Freiheit, sondern tiefen Schmerz. Wenn sie zu verwundet sind stürze ich herab.

Keine Wurzeln, die mich halten

Keine Flügel, die mich tragen.

 

Lass mich los

Hände an meinem Körper, ich liege in meinem Bett, Streit, verliere meinen Neffen und suche die ganze Stadt ab, möchte ihn beschützen und kann es nicht. Wache auf und mein Herz tut weh, so wie es seit Wochen schon weh tut. Die Intensität der Albträume nimmt zu. Ich wollte einige Wochen den Erinnerungen und Gefühlen entfliehen. Ein bisschen Frieden zwischen all dem Schmerz und einfach vergessen. Vergessen, wer mich im Stich ließ und vergessen, wer sich als mein Freund ausgab und mir dabei das Messer in den Rücken stach. Ich möchte doch einfach nur leben. Vor zwei Tagen legte sich ein dunkler Schleier über mich, als ein Mann aus meiner Vergangenheit mir eine Nachricht schrieb und von Familie sprach. Irrwitzige Vorstellung. Der Schleier über mir ist so schwer, dass atmen und sehen schwer fällt. Es ist so dunkel. Verdrängen war nie meine Absicht, oder wieder ignorieren, was mir an Bildern und Gefühlen gezeigt wird. Ich wollte das niemals nicht ernst nehmen, aber ich kann in dieser Intensität mit der Aufarbeitung nicht mehr weitermachen. Ich höre und ich fühle es, aber ich kann nicht immer der Vermittler dafür sein. Sonst breche ich zusammen.