Die Weiblichkeit meines Körpers

Besonders im Sommer bin ich mit dem Gefäß konfrontiert, in dem ich lebe: Meinem Körper. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der die Weiblichkeit meiner Hüften, oder andere Rundungen mich nicht gestört hätten. Irgendwann folgte die Essstörung und die Rundungen verschwanden. Zu der Zeit fühlte ich mich aber noch weniger. Ich bin mittlerweile damit einverstanden mein Gewicht zu halten, auch wenn der Wunsch abzunehmen immer da ist. Durch die Hormone, die täglich wegen Endometriose eingenommen werden, sind Brüste gewachsen. Das Gewicht hat sich nicht verändert.

Gestern Nacht konnte ich es nicht mehr ertragen sie an meinem Körper zu spüren und habe den Tag und die Nacht weg geschlafen. Bloß nicht damit konfrontiert sein. Es fühlt sich so fremd an und ich kann nichts schönes daran sehen. Auf der Straße bilde ich mir ein, dass Männer mich mehr dadurch beobachten und es entstehen Pläne sie wieder durch Gewichtsabnahme und Sport zu verlieren. Hormone absetzen war keine so gute Idee und brachte nur Schmerzen im Unterleib, die ich auch nicht fühlen möchte.

Es fällt mir so unwahrscheinlich schwer diesen weiblichen Körper zu akzeptieren, der mir bisher nur großen Schmerz brachte. das Hungern ist eine Art Rache. Das Konzept ging in der Vergangenheit nur nie auf. Die Eltern haben nur gesagt “ Ach, sie isst nie etwas“ oder als ich meine Mutter fragte warum ich meine Periode gerade nicht bekomme sagte sie „Das liegt am Untergewicht“. Es wurde als Tatsache hingenommen. So wie andere halt gerne Tischtennis spielen, esse ich nicht gern. Mein Vater versuchte mit mir Lebensmittel zu kaufen, aber sprach auch niemals mit mir darüber. Ich hatte schon immer das Gefühl ZU VIEL zu sein. Dass meine Existenz neben meinen anderen drei Schwestern eine zu große Belastung für meine Eltern sei.

Weniger werden. Weniger wollen. Weniger sein. So lange Zeit wollte ich gar nicht mehr da sein. Heute schaue ich in den Spiegel und dieser Körper ist mir so fremd. Er entspricht einem Ideal, aber nicht meinem. Ich möchte nach wie vor weniger sein.

 

Stellvertretendes Mitgefühl

Als ich gestern Abend die zweite Staffel der Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ sah, schaute mir mein Partner über die Schulter und sagte nach ein paar Minuten „bist du dir sicher, dass es so gut für dich ist, das zu gucken?“.Wir können zusammen nie gruselige, oder zu spannende Filme schauen, weil ich danach überall Geister sehe, nervös aufschrecke und die ganze Nacht umher laufe. Es macht für ihn keinen Sinn, dass ich fiktive Geschichten mit Spannung nicht ertrage (Horrorfilme schon gar nicht, ih bäh) aber mir so realitätsnahe, wie diese Serie anschaue.

Die Serie greift viele Themen, wie Mobbing an Schulen und das vertuschen von sexuellem Missbrauch auf. Die Wahrheit wird verdreht und das Opfer als Schuldige betrachtet, der Täter selbst geschützt. Es wird Rufmord betrieben. Dinge, die ich selbst erfahren habe. Ich kann nicht erklären, warum ich diese Serie verschlinge und wenig emotional dabei bin. Dennoch fiebere ich mit, nach Gerechtigkeit für diese Mädchen.

In der zweiten Staffel gibt es ein Gerichtsverfahren für das Mädchen, das nach all dem was ihr passiert war, keinen anderen Ausweg als Selbstmord sah. Selbst dort wird noch gelogen und verdreht. Der Täter macht ungestraft weiter und zwar diesmal bei seiner eigenen Freundin. An der Stelle, bei der man dies sieht, war mein Partner anwesend. Ich hatte schon eine Ahnung, was passieren würde und fand es irgendwie gut, dass er das sah. Ich wollte innerlich richtig, dass er hinschaut. Irgendwie wollte ich, dass er mehr eine Ahnung davon bekommt, was ich durchgemacht habe. Er rannte mit dem Kommentar: “ Ich muss gleich kotzen“ voller Wut aus dem Raum. Ich war zufrieden.

Ich weiß… das klingt total absurd, aber oft können sich Menschen eben nicht vorstellen, dass so etwas tagtäglich passiert. Auch bei Jugendlichen. Ich weiß nicht warum ich genau möchte, dass mehr hingeschaut wird und es extreme Emotionen in Menschen auslöst. Manchmal sind das die Dinge, die ich selbst nie in Worte fassen kann. Nicht nur mein Partner fühlt stellvertretend für mich die Wut und den Ekel, sondern auch ich für diese Mädchen… und irgendwie damit auch für mich.

was passiert da?

Mir ist gestern etwas aufgefallen. Manchmal bin ich gar nicht richtig da während Gesprächen und kann mich trotzdem über schwierigste Themen unterhalten. Manchmal läuft dann sogar noch eine parallel Unterhaltung in mir, die gar nichts mit dem Thema zu tun hat. Meine beste Freundin sah gestern meinen Gesichtsausdruck und mich zusammen gerollt auf meinen Sofa und fragte, ob sie mir jetzt eine Umarmung geben dürfte. Sie holte auch noch mein Kuscheltier Luna unter meinem Kopfkissen hervor. Dann unterhielten wir uns über Religionen und es entwickelte sich ein intensives Gespräch darüber. Nur war ich eigentlich noch das Bibi, das jetzt umarmt werden will aber bildete trotzdem diese komplexen Sätze.

Irgendwie beeindruckt mich das schon ganz schön. Jetzt weiß ich auch, wie ich halbwegs meinen Alltag die Jahre durchstehen konnte und die Not von außen gar nicht so sichtbar war. Es ist wie eine CD, die dann rausgekramt und in meinem Kopf abgespielt wird. „Aha erwachsenen Themen sind jetzt gerade gefragt, her mit der CD, die wird jetzt abgespielt! Dass du deine Mami vermisst ist gerade nicht Thema und wäre unpassend zu sagen!“ Emotional war ich da aber sowas von woanders.

Später am Abend war ich beim Krisendienst für meinen Bezirk und konnte einfach mal weinen und weniger „kontrolliert“ sein. Eigentlich wollte ich nur weinen, aber mir wurden Fragen gestellt auf die ich anscheinend auch gut antwortete. Meine Reflektiertheit wurde gelobt und ich dachte nur „das passt jetzt so gar nicht zu dem was hier eigentlich los ist!“ Die Frau schaute mich sehr ungläubig an, als ich erzählte, dass ich den ganzen Tag total aggressiv war und alle gehasst habe. Sie konnte sich das zu dem Bild, das ich nach außen vermittelte, weinend mit meinem Kuscheltier im Arm, nicht vorstellen. Da liegt für mich das Problem. Durch diese Mechanismen und die Angepasstheit, die ich dann zeige, geht total unter was eigentlich los ist und warum ein Anteil EIGENTLICH dorthin ging um erzählen zu können.

Ich bin dankbar dafür, dass meine Therapeutin mehr sieht als mein kontrolliertes Verhalten in den Therapiestunden. Das wurde jahrelang nicht gesehen und der innere Leidensdruck war unerträglich.

 

Abschied nehmen und loslassen

Mein sehnlichster Wunsch war und ist eine Familie. Nicht Eine die perfekt ist, aber Eine, die mich sieht und akzeptiert wie ich bin. Die mich liebt und sich darum sorgt, wie es mir geht. Eltern, die mich schützten, als ich noch nicht alt genug war um es selbst zu tun.

Seit Jahren erkenne ich durch verschiedene Therapeuten wie dysfunktional und im hohen Maße schädigend meine Herkunftsfamilie ist. Die Realität wird verleugnet und ich wurde verbannt und als Sündenbock missbraucht, weil mir schon sehr früh auffiel, dass etwas nicht stimmt. Bei meinen Freunden sah ich, wie Familien auch sein können. Als ich das realisierte schämte ich mir für mein eigenes zu Hause unsäglich und vermied es Freunde mit nach Hause zu bringen.

Mittlerweile wohne ich nicht mehr in meiner Geburtstadt und habe auch nicht vor, dahin zurück zu kehren. ich lebe in einem Viertel mit hohem Ausländeranteil, dort wo mich nichts an meinen Ursprung erinnert, fühle ich mich wohl. Der Kontakt mit meiner Familie ist ein Minimum reduziert und mit meiner Mutter ganz eingestellt, was ich seit meiner Jugend immer wieder als Aushaltestrategie unbewusst angwandt habe. Selbst als wir Zimmer an Zimmer gewohnt haben.

Seit Jahren trauere ich. Mir wird mehr und mehr bewusst. Ich verstehe. Das zu Realisieren ist fast noch schmerzhafter als die immer wieder enttäuschte Erwartung. Doch zukünftig wird es die einzige Strategie sein, die funktioniert. Meine Therapeutin nennt meinen Vater den Einäugigen unter den Blinden. Einen Vater der kaum anwesend ist, kann man gut idealisieren.

Die traurige Realität ist, dass sich meine Eltern gegenseitig in ihrer verzerrten Realität unterstützen. Es ist einfacher das eigene Kind in der Erziehungsberatung als Teufel abzustempeln, als bei sich selbst zu schauen. Denn dann würde ihnen bewusst werden, dass drei ihrer vier Töchter in der Psychiatrie oder anderen psychosomatischen Kliniken waren. Zwei davon, die älteren Töchter, sind heute noch in Therapie und die Jüngeren blenden die Realität aus und eine schützt die Eltern so sehr, dass sie die älteren Schwestern, die nicht mehr mitspielen als schuldig betrachtet.

Es ist so ein großer Scherbenhaufen vor dem ich nun stehe, wenn ich meine Vergangenheit betrachte. Die Symptome sprechen für sich. Es fällt leichter mittlerweile Zeugen zu haben, die mir glauben. Nach all der verdrehten Wahrheit und Invalidierung fange ich an meiner eigenen Wahrnehmung wieder zu vertrauen.

Es ist so paradox, dass die Menschen, die ich nach wie vor kindlich liebe, mir am meisten schaden. Es tut weh die Hoffnung auf eine Familie, wie ich sie mir immer wünschte los zu lassen. Wenn ich es nicht tue, so sagt mir mein Gefühl, werde ich mit den Jahren an dem Schmerz zerbrechen.

 

Schuldzuweisungen

Mein Vater hat heute, während eines impulsiven Anrufs von mir, ausgelöst durch ein harmonisches, abartig normales Urlaubsbild meiner Eltern, plötzlich angefangen von mir als Zwölf/Dreizehnjährige zu erzählen. Dass ich im Urlaub mit ihnen „ausbüchste“und nicht mehr aufzufinden war. Dass ich anstrengend und impulsiv war. Meine Handlungen Unberechenbar. Dass man meinen Worten nicht trauen konnte. Dass ich eine Rolle spielte und er beschrieb mich als nicht greifbar und eine umwabernde Hülle um mich herum. Dass es großen Ärger gab als er mich mit einem Jungen fand.

Ich sagte ihm, dass ich kaum Erinnerungen an diese Zeit habe und wenn dann nur Schmerzhafte. Dass ich auf dem Stadtfest, auf dem wir uns treffen wollten sexuell von einer Gruppe Männern belästigt wurde. Keine Reaktion. Er sagte nur es wäre normal Dinge zu vergessen. (Invalidierung, wie ich heute weiß) Er hat einen Teil von mir heute so stark verletzt und ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe bei diesen Eltern zu leben. Um diesen Anteil kümmere ich mich nun, wie um ein weinendes Kind. Es hat viel ausgelöst und ich habe etwas Angst vor den nächsten Tagen. Vor Dissoziationen und impulsiven Handlungen. Ich bin aber dabei einen Krisenplan zu erstellen.

Der Junge mit dem er mich fand, den lernte ich kennen als ich es bei meinen Eltern nicht aushielt und mich anvertraute. Ich weiß auch, dass ich mich bewusst versteckte. Ich war ein Kind. Und es gab Gründe, die mich so aus der Not heraus handeln ließen.

Ich hoffe eines Tages werde ich stark genug sein um die Schuldzuweisungen an den Adressaten zurück zu schicken. Danke kein Bedarf.

Sie haben ihr Recht verwirkt Eltern zu sein und dabei ihre Tochter verloren. Damals genauso wie heute.