Kommunikation

Uneinigkeit mit sich selbst, oder auch enttäuscht von sich zu sein ist wohl etwas, das jeder kennt. Zu einem Problem wird dies für mich gerade, wenn ein bestimmter essgestörter Anteil beschließt die Medikamente zu verweigern, weil dadurch die Brüste größer werden. Der tolle Nebeneffekt ist, dass sich das langsam eingeschlichen hat und ich heute mit sehr starken Schmerzen aufgewacht bin, welche ich mir nicht erklären konnte, da ich dachte, die Medikamente genommen zu haben. Jetzt könnte man auch sagen, dass jeder die mal ab und zu vergisst. So ist es aber nicht. Meine Therapeutin sagt, ich soll die Kommunikation im Innen verbessern, ich habe aber keine Ahnung wie und bin gerade einfach nur genervt davon, den Tag mit Höllenschmerzen im Unterleib im Bett zu verbringen.

Ich will leben

Kalt und unvorbereitet trifft mich die Nachricht einer Freundin, die ich letztes Jahr genau zu dieser Zeit in der Klinik kennen lernte. Sieben Wochen war sie dort meine engste Bezugsperson.

Suizidversuch. Im Wald gefunden. Elektrokrampftherapie. Ich-unter-Schock.

Neben den Gefühlen der Betroffenheit, Traurigkeit und Ohnmacht über das Wissen, dass es für sich in dem Moment keinen anderen Ausweg gab, fährt gleichzeitig ein anderer Film meiner eigenen Geschichte. Ein Überlebenskampf, mit einem Versuch mit ungefähr vierzehn. Genau weiß ich es nicht und meine Eltern wollen bis heute nicht mit mir darüber sprechen. Ich kenne dieses unaushaltbare Gefühl nicht mehr leben zu wollen. Mehr als zehn Jahre begleitete es mich. Auch noch letztes Jahr, als ich sie kennen lernte.

Suizidale Anteile gehören zu mir, zu meiner Geschichte. Sie stammen aus einer Zeit, in der das Überleben ein Kampf auf Messer’s Schneide war. Ich verdanke mein Überleben des Unaushaltbaren meinem System. Ein Jahr später sitze ich aufgewühlt auf meinem kleinen weißen Sofa und bin mir sicher, ich will leben.

 

 

 

Erinnerungsbruchstücke an das Mädchen von damals

Ich frage mich, wer dieses Mädchen war, das diese Lieder gehört hat, sich mit zehn Jahren zusammen mit ihrem schwarzen Kater in ihrem Zimmer verschanzte. Tag und Nacht geschlossene dunkelblaue Gardinen. Wortlos ging sie nach der Schule in dieses Zimmer. Was machte sie dort die ganze Zeit? Immer in ihrer eigenen Fantasiewelt. Ihre Spielsachen hatte sie alle in den Keller geräumt. Manchmal stieg sie nachts aus ihrem Fenster und wandelte schlaflos durch das schlafende Dorf. Hatte sie keine Angst? Wer passte auf sie auf?

Manchmal versteckte sie sich in Gräben oder im Wald so lange bis Jemand nach ihr suchte. Um dann in ihr Elternhaus zurück zu kehren, so als hätte sie nur einen Spaziergang gemacht. Manchmal fiel es auch nicht auf, dass sie weg war. Sie betäubte sich mit Schmerzmitteln ihrer Mutter, die sie in eine türkise Isolight Flasche bröselte. Erinngerungsfetzen. Danach passierte zu viel und keiner, nein keiner fing sie auf oder half ihr. Während andere zur Schule gingen, fuhr sie mit dem Bus durch die Gegend und träumte, mit Musik aus ihrem MP3-Player auf den Ohren. Ein Traum, den sie häufiger hatte, war der von ihrer Beerdigung. Sie stellte sich vor wie traurig auf einmal alle wären und es bereuten, sie so behandelt zu haben. Sie überlegte auch welche Musik dort laufen sollte und was sie in ihren Abschiedsbrief schreiben würde.

Innere schreie, während die psychisch ebenso erkrankte, überlebende Schwester ihren Schmerz in die Welt schrie. Sie war neidisch auf die Aufmerksamkeit und war die einzige, die sich dieser Schwester in den Weg stellte, die keine Grenzen von ihren Eltern bekam. Eingeklemmt in Türen, Wutanfälle, Gegen die Wand geschleudert, „Geh oder ich schlage dich“, erhobene Fäuste. Eltern schauten weg. Die Kinder sollten sich alleine darum kümmern. Sie lief in ihr Zimmer und verschloss wie immer die Tür hinter sich, um dort zu weinen. Manchmal klopfte ihr hilfloser, in sich zurück gezogener Vater an dieser Tür um ihr eine kleine Tafel Schokolade zu schenken. Das Mädchen würde später in ihrem Leben den Zwang entwickeln Schokolade zu kauen – und auf einen Teller, in ein sorgfältig drapiertes Taschentuch – auszuspucken.

Wo kein Wille ist, da ist auch kein Weg

Ich will keine Erwartungen erfüllen müssen. Ich will keine Antworten auf blöde Fragen geben müssen. Ich will nicht reden. Ich will dir gerade nicht mitteilen was ich denke oder fühle. Ich will dir nicht zuhören. Ich will keine blöden Ratschläge. Ich will nicht nach draußen gehen, nur weil die Sonne scheint. Ich will keinen Sex. Nein, ich will auch keine Umarmung. Ich will überhaupt keinen Körperkontakt. Ich will keine Termine einhalten müssen. Ich will nicht duschen. Ich will mich nicht anziehen. Ich will nicht essen. Ich will keine Menschen in der stickigen Bahn viel zu nah an mir haben. Ich will nicht lachen. Ich will nicht weinen. Ich will nicht bockig sein. Ich will keine Entscheidungen treffen. Ich will keine komplexen Gedanken über mein noch komplexeres Innenleben denken.

Ich will heute einfach nichts wollen müssen und erst morgen wieder funktionieren.