Lass mich los. Geh nicht.

Ich flüchte in deinen Arm, in der Hoffnung, dass du mich halten kannst. Du hältst mich, doch es kommt nicht bei mir an. Seit Jahren fühle ich mich innerlich so leer, während der Andere sich nach mir verzehrt und brennt. Ich will das auch. Werde nur stiller. Bin so leer.

Die Nacht stinkt nach dir. Dieser strenge Geruch nach deiner Gier, kaltem Rauch und Bier. Dazu mischt sich irgendein schweres Parfum. Warum müssen Männer immer nur so stinken? Das macht das mit der Nähe auch nicht unbedingt leichter.

Lass mich los.

Du kannst mich nicht halten.

Ich hasse deinen Gestank.

Geh. Jetzt!

Nein. Bleib.

Sonst bin ich wieder alleine mit mir. Besser dein Gestank füllt diese Leere in mir aus als dieses unbarmherzige Nichts.

Ich muss dich von mir abwaschen.

Du gehst mit einem Lächeln auf den Lippen, trunken vor Glück zur Tür und denkst immer noch du wärst der Eine. Der Eine, der alles endlich besser macht. Der Auserwählte. Morgen früh wird dieses Lächeln sterben. Dafür werde ich sorgen, wenn ich dir sage, dass ich nichts fühle. Dass ich gelogen habe, als ich sagte du fehlst mir.

Ich wünschte es wäre so.

Ich liebe nicht.

Die Nacht, die keinen Morgen sah

Du konntest mich nicht sehen heute. Wolltest mich aber verstehen heute.

Warum verstehst du mich dann nicht?

Du konntest mich nicht verstehen heute. Wolltest mich aber sehen heute.

Warum siehst du mich dann nicht?

Warum siehst du mich nicht, aber möchtest mich berühren?

Wie kannst du etwas berühren, das du nicht siehst?

Ich bin gar nicht da.

Du kannst es nicht. Du kannst mich nicht berühren.

Du siehst mich nicht.

Du hast niemals gefragt

Nachdem ich aus der Klink kam hatte ich einige Diagnosen im Gepäck. Eine davon lautete „posttraumatische Belastungsstörung“. Als ich dir am Telefon davon erzählte war das erste, was dir einfiel:

„Das haben doch nur Soldaten die aus dem Krieg kommen.“

Glaub mir, im Krieg war ich auch. Und ich kämpfe immer noch. Tag für Tag. Nacht für Nacht.

„Deine Kindheit war doch so schön. Jedenfalls habe ich dich nicht traumatisiert…?!“

Doch. Doch, das hast du. Und das tust du noch.

Wie die Mutter, so die Tochter. Deine Mutter hat dich auch traumatisiert. Du bist die Tochter, doch ich werde niemals du sein.

Niemals hast du gefragt was in den Jahren mit mir passiert ist. Interessiert es dich gar nicht? Dein Blut fließt durch meine Adern. Ich habe deine Intelligenz, deinen Humor und deine kleinen Hände und Füße. Wir sind beide Wenig-schläfer, Zerdenker und Hochsensibel. Ich bin deine Tochter.

Warum hast du niemals gefragt?